Sonntag, 22. April 2018

Auf schastel marveile


















Nur im Abenteuer, in das er sich ganz und in größter Ver-
wirrung stürzt, erfährt Perceval seinen Namen […]; erst
wenn er es wagt, sich entgegen dem Rat seines Fährmanns
im Zauberschloss ins Wunderbett zu legen, vollendet sich
Gauvains Geschichte und erfüllt sich sein Schicksal. Die
ganze Geschichte demnächst bei Matthes & Seitz als 94.
Band der Reihe FRÖHLICHE WISSENSCHAFT: Giorgio Agam-
ben, Das Abenteuer. Der Freund.

 

Dienstag, 27. März 2018

Ottant’anni fa


















Am Abend des 25. März 1938 bestieg der Physiker Etto-
re Majorana ein Postschiff von Neapel nach Palermo. Mit
welcher Absicht? An den Leiter des physikalischen Insti-
tutes der Universität von Neapel schickte er noch einen
Brief. Am nächsten Tag folgte ein weiterer Brief an den
Institutsleiter aus Palermo: „Das Meer hat mich abgewie-
sen... Ich habe jedoch die Absicht, auf den Unterricht zu
verzichten.“ Was geschah in Palermo? Bestieg der junge
Physiker am Abend des 26. März erneut ein Schiff, um
nach Neapel zurückzukehren, wie er seinem Direktor an-
gekündigt hatte?

Donnerstag, 15. März 2018

La conquista dello spazio


Sonntag, 25. Februar 2018

Divertimenti teorici


















In der Regel werden internationale Trends in Deutschland
erst dann wahrgenommen, wenn Köpfe rollen oder die Bi-
lanzen stimmen. GUCCI kann mit beidem dienen. Drei Jah-
re nachdem Alessandro Michele mit einer bahnbrechenden
Show sein Amt als künstlerischer Leiter des italienischen
Modehauses antrat, ist es auch bei den betonierten Stilre-
dakteuren der deutschen Qualitätspresse angekommen: Die
Schluppenblusen sind gekommen, um zu bleiben. Und um
die als Show Notes getarnten Flugblätter einer sich gerade
warmlaufenden permanenten Revolution kommt man auch
nicht mehr herum. CYBORG, das jüngste Manifest, das zur
Präsentation der FALL WINTER 2018-2019 COLLECTION ge-
reicht wurde, hat ein*e Geladene*r abfotografiert und auf
Twitter gepostet:

 
















The challenge of the disciplinary power is to impose a pre-
cise identity on the subject. This operation is carried out
placing the subject inside binary fixed categories, as the nor-
mal / abnormal one, with the specific intent of classifying,
controlling and regulating the subject. The regulative strate-
gies prove so alluring that the subject voluntarily chooses to
stick to that particular categorization, claiming its positioning
inside a given social structure. In this frame of reference, the
regulation of the living body uses the concept of identity as a
device of bio-political control (M. Foucault).

 
















Identity, though, is neither a natural matter nor a preset
category, which can be imposed with violence. It’s not an
immutable and fixed fact, rather a social and cultural con-
struction and, as such, it’s a matter of choice, joining, in-
vention. Identity, thus, is a never ending process, keen on
new determinations each time. The consciousness of how
everything is socially built, even who we are, opens a field
of fresh possibilities to performatively explore. A field of
liberty and responsibility in which anybody can become who
he / she really wants to be, getting social expectations and
personal desires back in the game.


















The subjectivities embodying Gucci’s pluriverse move in
this field, which is ethic and political at the same time.
They represent the invitation to diverge, not conforming
to univocal and other-directed identity models, and the en-
couragement to spread other ways of thinking about our-
selves that are able to violate preset categorizations. In
this regard, what can seem atypical, anomalous, flawed to
a normalizing eye, acquires a new legitimacy. A new breath.
The courageous affirmation of the self and its singularity. 

 
















The collection goes further beyond, taking the shape of a
genuine Cyborg Manifesto (D. J. Haraway), in which the hy-
brid is metaphorically praised as a figure that can overcome
the dualism and the dichotomy of identity. The Cyborg, in
fact, is a paradoxical creature keeping together nature and
culture, masculine and feminine, normal and alien, psyche
and matter. Conflicting with any categorie grid, the Cyborg
is the expression that blends different evolving identities.
Hybrid and shifting identities, built on multiple belongings,
that transgress the normative discipline.

 
















Gucci Cyborg is post-human: it has eyes on its hands, faun
horns, dragon’s puppies and doubling heads. It’s a biologi-
cally indefinite and culturally aware creature. The last and
extreme sign of a mongrel identity under constant transfor-
mation. The symbol of an emancipatory possibility through
which we can decide to become what we are.  

Mittwoch, 24. Januar 2018

Prosa der Verhältnisse


















Bis heute hatte ich nicht den geringsten Anlass, meinem
Vorsatz, mich nicht durch Kommentierung von Onlinear-
tikeln zum Deppen zu machen, untreu zu werden. Nach
der Lektüre des Artikel „Löschung und Überschreibung“
von Andreas Platthaus, einem Kommentar der Entschei-
dung des Senats der Berliner Alice-Salomon-Hochschule,
Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ an der Südfassade
des Gebäudes durch ein anderes zu ersetzen, gab es kein
Halten mehr. Ich meldete mich im Kommentarbereich der
FAZ an und hämmerte 335 Zeichen in das dafür vorgesehe-
ne Feld:

Da man es „poetologisch versierten“ Institutionen wie
dem Feuilleton der F.A.Z. und dem P.E.N. eh nicht recht
machen kann, sollte man einfach den Titel der 1906 bei
Duncker & Humblot in Leipzig erschienenen Dissertation
Alice Salomons an die Südfassade schreiben: „Die Ursa-
chen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frau-
enarbeit“.

Herzlichen Dank, liebe FAZ, dass Deine Moderatoren mir
geholfen haben, meinem Vorsatz auch weiterhin treu ge-
blieben zu sein. Wäre mir echt peinlich gewesen, wenn
sie den Kommentar hochgeladen hätten. Aber vielleicht
verstößt er ja auch gegen die „Richtlinien“: nicht kon-
struktiv genug. Wie wäre es mit:

Weshalb übermalen: Freskomalerei kann durchaus abge-
tragen und andernorts angebracht werden. Im Fall von
Gomringers Zeilen bietet sich eine Fassade des Litera-
turinstituts in Hildesheim oder eines Studentinnenwohn-
heims (mit kleinem i) des Opus Dei an: Habitate der vom 
FAZ-Feuilleton so hoch geschätzten Poesie des (abenteu-
erlichen) Herzens.
   

Dienstag, 23. Januar 2018

Cinquant’anni fa


















Heute vor fünfzig Jahren war am Moabiter Kriminalgericht
der letzte Verhandlungstag eines Prozesses gegen neun
Demonstranten, die im August 1966 die Aufführung des
Films Africa Addio im Filmtheater Astor am Ku’damm zu
verhindern versucht hatten. Als der vorsitzende Richter,
Amtsgerichtsrat Kurt Gente — Vater des vor bald vier Jah-
ren gestorbenen Mitgründers und langjährigen Geschäfts-
führers des Merve Verlags Peter Gente — mit der Urteils-
verkündung begann, landete nur wenige Meter vom Rich-
tertisch entfernt ein Kanonenschlag. Aus dem Publikum
regnete es gelbe Flugzettel im Duodezformat, die beidsei-
tig mit roter, serifenloser Schrift bedruckt waren. 

Am 24. Januar 1968 berichtete der Tagesspiegel, dass
„einige der an den Krawallen beteiligten Mädchen […]
ununterbrochen gellende Schreie aus[stießen]. Zeitweise
standen Rauchwolken im Saal. Nur mit Mühe gelang es,
die randalierenden Gruppen die drei Treppen hinunter und
schließlich aus dem Hauptportal zu drängen, wo Scheiben
zerschlagen wurden.“ Es lohnt, den — in gut sortierten An-
tiquariaten günstig zu erwerbenden — Flugzettel aufmerk-
sam zu lesen. Denn er verdeutlicht einen Aspekt, den Jür-
gen Kaube bei seiner Erledigung des 68-Jubiläums in der
FAZ (bewusst?) unterschlägt: die Anti-Nazi-Kampagne.
















Organisieren wir den
UNGEHORSAM
gegen die Nazi-Generation.

Ehemalige Nazi-Richter wollen über uns „Recht“ sprechen.
Ausgerechnet der Moabiter Amtsrichter Gente — einst Mit-
glied der Nazipartei — will unsere Kommilitonen „verurtei-
len“, die gegen den faschistischen Rassenhetzerfilm „africa
addio“ protestiert haben.

Aber wir haben noch schlimmeres als diesen Gente: Wir ha-
ben sogar einen ehemaligen Nazipropagandisten als Bundes-
kanzler!
Unsere Geduld muss jetzt ein Ende haben: Machen wir Schluß
damit, daß nazistische Rassenhetzer, daß die Juden-Mörder,
die Slawen-Killer, die Sozialisten-Schlächter, daß die ganze
Nazi-Scheiße von gestern weiterhin ihren Gestank über unse-
re Generation bringt.

Holen wir nach, was 1945 versäumt wurde. Treiben wir die
Nazi-Pest zur Stadt hinaus. Machen wir endlich eine richtige
Ent-Nazifizierung. Heizen wir ihnen so ein, daß ihnen die fet-
ten Gehälter, Dividenden und Pensionen, die sie für ihre Ver-
brechen von gestern verschlingen, im Halse stecken bleiben!

Leisten wir Widerstand gegen ehemalige
Nazi-Richter, Nazi-Staatsanwälte, Nazi-Gesetzgeber aller
Couleur, Nazi-Polizisten, Nazi-Beamte, Nazi-Verfassungs-
schützer, Nazi-Lehrer, Nazi-Professoren, Nazi-Pfaffen, Na-
zi-Journalisten, Nazi-Propagandisten, Nazi-Bundeskanzler,
und nicht zuletzt gegen
Nazi-Kriegsgewinnler, Nazi-Fabrikanten, Nazi-Finanziers.

Verweigern wir uns total den Nazis. Befolgen wir keine ihrer
Anweisungen. Sagen wir ihnen, daß wir sie bestenfalls igno-
rieren können. Damit legen wir den gesamten Apparat dieser
miesen Gesellschaft lahm, denn er besteht — bezeichnender-
weise! — zu einem lebenswichtigen Teil aus den alten Nazis.

Mobilisieren wir die permanente
ANTI - NAZI - KAMPAGNE
Bereiten wir den
AUFSTAND
gegen die Nazi-Generation vor.

Sonntag, 14. Januar 2018

Abschnitt 41


















Wo wir leben wollen? Irrerweise sagt es niemand schöner
als die Berliner Polizei:

Der Polizeiabschnitt 41 im Schöneberger Norden ist mit
3,16 km² Gesamtfläche der kleinste Abschnitt Berlins. Er
beherbergt etwa 57.000 Menschen.
Der Anteil ausländischer Bewohner für den gesamten Be-
reich liegt bei rund 25 %, wobei dieser sich im nördlichen
Bereich konzentriert. Deutlich wird dies insbesondere am
Beispiel einer Grundschule mit einem Ausländeranteil von
98 %. 
Auf relativ kleiner Fläche sind neben vielfältigsten Laden-
geschäften insgesamt 402 gastronomische Betriebe, sechs
Spielhallen und drei Diskotheken ansässig. Besonderer tou-
ristischer Anziehungspunkt ist der Wittenbergplatz und die
Tauentzienstraße mit dem KaDeWe.
Im Bereich Schöneberg Nord befindet sich die größte zusam-
menhängende Homosexuellenszene Europas, welche seit An-
fang der 80er Jahre eine starke Anziehungskraft entwickelt
hat und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannt ist. 
In der Vergangenheit hatten sich in der Kurfürstenstraße/
Potsdamer Straße Prostitution und Rauschgiftkriminalität
angesiedelt. Für eine effektivere Bekämpfung der Rausch-
gift- und Straßenkriminalität sowie für eine verbesserte Zu-
sammenarbeit mit Verwaltung, Wirtschaft, Hilfseinrichtun-
gen, Anwohnern und der Homosexuellenszene gründete der
Abschnitt 41 1997 das Präventions- und Ermittlungsteam.