Samstag, 26. Dezember 2015

Weihnachtsmannhinrichtung


















Die Weihnachtsfeiertage des Jahres 1951 wurden in Frank-
reich von einer Polemik überschattet, auf die sowohl die
Presse wie die Öffentlichkeit empfindlich reagierten und
die der in dieser Jahreszeit sonst so fröhlichen Stimmung
einen ungewohnt bitteren Beigeschmack gab. Schon seit
mehreren Monaten hatten die kirchlichen Behörden durch
den Mund einiger Prälaten die wachsende Bedeutung miss-
billigt, die Familien und Kaufleute der Figur des Weihnachts-
manns beimessen. Sie prangerten eine besorgniserregende
»Paganisierung« des Fests der Geburt an, die von dem rein
christlichen Charakter dieser Gedächtnisfeier ablenke zu-
gunsten eines Mythos ohne religiösen Wert. Diese Angriffe
hatten kurz vor Weihnachten zugenommen; diskreter zwar,
aber ebenso entschlossen erhob neben der katholischen auch
die protestantische Kirche ihre Stimme. Schon erschienen in
den Zeitungen Leserbriefe und Artikel, die aus ihrer Ableh-
nung der kirchlichen Position kein Hehl machten und davon
zeugten, welch großes Interesse diese Affäre hervorgerufen
hatte. Ihren Höhepunkt erreichte sie schließlich am 24. De-
zember anlässlich einer Kundgebung, über die der Korrespon-
dent der Zeitung France-Soir wie folgt berichtet: 

Auf dem Vorplatz der Kathedrale von Dijon wurde vor Hortkin-
dern der Weihnachtsmann verbrannt 

Dijon, 24. Dezember (France-Soir)
Gestern nachmittag wurde auf dem Gitter der Kathedrale von
Dijon der Weihnachtsmann aufgehängt und auf dem Vorplatz
öffentlich verbrannt. Diese spektakuläre Hinrichtung fand im
Beisein einiger hundert Hortkinder statt. Sie war mit Zustim-
mung des Klerus beschlossen worden, der den Weihnachtsmann
als Usurpator und Ketzer verurteilt hatte. Er war beschuldigt
worden, das Weihnachtsfest zu paganisieren, sich wie ein Ku-
ckuck darin eingenistet zu haben und einen immer größeren
Platz einzunehmen. Insbesondere wirft man ihm vor, in alle
staatlichen Schulen eingedrungen zu sein, aus denen die Krip-
pe völlig verbannt sei.
Am Sonntag um drei Uhr nachmittags hat der arme Kerl mit
dem weißen Bart wie viele Unschuldige für ein Vergehen be-
zahlt, dessen sich diejenigen schuldig machten, die seiner
Hinrichtung Beifall zollten. Das Feuer hat seinen Bart ver-
sengt, und er hat sich in Rauch aufgelöst.
Nach der Hinrichtung wurde ein Kommuniqué folgenden In-
halts veröffentlicht:

»Stellvertretend für alle christlichen Heime der Gemeinde,
welche die Lüge bekämpfen wollen, haben sich vor dem
Hauptportal der Kathedrale von Dijon 250 Kinder versam-
melt und den Weihnachtsmann verbrannt.
Es handelt sich nicht um eine Attraktion, sondern um eine
symbolische Handlung. Der Weihnachtsmann wurde geopfert
und den Flammen übergeben. Wahrlich, die Lüge vermag im
Kinde kein religiöses Gefühl zu wecken und ist in keiner Wei-
se eine Erziehungsmethode. Mögen andere sagen und schrei-
ben, was sie wollen, und im Weihnachtsmann ein Gegenge-
wicht zu Knecht Ruprecht sehen.
Für uns Christen muss Weihnachten das Fest der Geburt des
Erlösers bleiben.«

Die Hinrichtung des Weihnachtsmanns auf dem Vorplatz der
Kathedrale ist von der Bevölkerung unterschiedlich aufgenom-
men worden und hat selbst bei den Katholiken lebhafte Kom-
mentare hervorgerufen. Im übrigen droht diese unpassende
Kundgebung für die Organisatoren unvorhergesehene Folgen
zu haben.
Die Affäre spaltet die Stadt in zwei Lager.
Dijon erwartet die Auferstehung des gestern auf dem Vorplatz
der Kathedrale ermordeten Weihnachtsmanns. Heute abend
um achtzehn Uhr wird er im Rathaus auferstehen. Tatsächlich
hieß es in einem offiziellen Kommuniqué, er werde die Kinder
von Dijon wie jedes Jahr auf der Place de la Libération zusam-
menrufen und im Licht der Scheinwerfer von den Dächern des
Rathauses zu ihnen sprechen.
Der Kanonikus Kir, stellvertretender Bürgermeister von Dijon,
soll darauf verzichtet haben, in dieser heiklen Angelegenheit
Partei zu ergreifen. 

So beginnt die wie gewohnt treffliche Übersetzung Eva Molden-
hauers eines Artikels von Claude Lévi-Strauss, der 1952 in Les
Temps Modernes erschienen ist: »Le Père Noël supplicié«. »Der
gemarterte Weihnachtsmann« lautet der Titel der deutschen
Übersetzung, die als Zugabe zu einer Sammlung von sechzehn
Artikeln, die Lévi-Strauss von 1989 bis 2000 für die italienische
Zeitung La Repubblica verfasst hat, vor gut einem Jahr unter
dem Titel Wir sind alle Kannibalen bei Suhrkamp erschienen ist. 

Montag, 2. November 2015

Die Langsamkeit der Literatur


















Am ersten Oktober erschien in der Jungle World ein Arti-
kel von Klaus Birnstiel über Rainald Goetz, eine gedräng-
te Rekapitulation des Werks aus Anlass der Büchnerpreis-
verleihung Ende des Monats. Wohl deshalb fühlte sich
Birnstiel aufgefordert, darüber zu spekulieren, was nun
als nächstes kommen könnte. Voriges Jahr sei Rainald 
„beim großen Berliner Szenewirbel um ,Akzeleration‘
und die Möglichkeiten eines neuen, eines spekulativen
Realismus“ nicht nur „mit dem Notizblock in der Hand
der teilnehmenden Beobachtung hingegeben“ gesichtet
worden, in Texte zur Kunst habe er auch „ein Programm
einer solchen realistischen Schreibweise skizziert“:

Woran Goetz derzeit arbeitet, lässt sich kaum in Erfah-
rung bringen. […] Auf die Zusprache des Büchner-Preises
hat er bisher nicht reagiert. Als eigent­licher Akzeleratio-
nist, als dauerbeschleunigter Gegenwartskonfrontierer
müsste ihm die Sache vielleicht sogar auf skurrile Weise
Spaß machen. Möglicherweise plant er für Darmstadt ja
die präzisionsgesteuerte Zündung einer Sprechtextbombe
mit wohlkalkuliertem Realitäts-Fallout. Vielleicht geht
er auch gar nicht erst hin. Eigentlich ist das auch ziemlich 
egal. Alles andere als egal aber ist der nächste Text. Wir
warten. 

Da kannst du lange warten, dachte ich. Mir träumte näm-
lich einmal, wie ein Mann auf dem Rad, ein Kind im rück-
wärtig befestigten Kindersitz, das andere, zwischen Vor-
derrad und parkenden Autos, um eine halbe Kinderradel-
radlänge voraus, mir alles andere als beschleunigt, ganz
und gar unakzelerationistisch entgegenradelte. Er sah
dem diesjährigen Büchnerpreisträger zum Verwechseln
ähnlich. Nein, es gibt keine Beschleunigung, jedenfalls
nicht in der Literatur. Denn eine ihrer besten Qualitäten
sei die Langsamkeit, wie es vorgestern hieß:
  
Immer im Oktober ist wieder Deutscher Herbst, jedes Jahr
ist wieder Nacht von Stammheim und alle zwei Jahre schau
ich wieder nach, wie war es nochmal genau gewesen im
Oktober mit den Tagen des Todes, der Politik, Wartburg-
fest und Schlacht von Leipzig, den Tagen der Geburt, 17.
Oktober Büchner, 18. Oktober Kleist geboren und dazwi-
schen in der Nacht, die Toten von Stammheim, Raspe,
Ensslin, Baader, ein deutsches Datum, fast wie der 9. No-
vember. Zehn Jahre hat es gebraucht, von 1977 bis 1987,
bis hier an dieser Stelle Erich Fried in seiner Rede auch
an die Toten von Stammheim erinnert hat. 1977, bei der
Preisvergabe an Reiner Kunze, vier Tage nach der Nacht
von Stammheim, kam dazu, zu Stammheim, kein Wort.
Leise klingt da ein Vorwurf an, der einem ersten Gefühl
auch entspricht, aber in Wirklichkeit ist diese Verspätung,
deshalb erzähle ich davon, Hinweis auf eine der besten
Qualitäten von Literatur überhaupt, auf ihre Langsamkeit.
Sie stellt sich der Welt, aber langsam, das macht den Au-
tor so panisch, unendlich langsam. 

Samstag, 31. Oktober 2015

Aiōnios zōē

















 
HALLELUJA! Kaum zu glauben, dass sich zur Einstimmung
aufs HEILIGE Jahr der BARMHERZIGKEIT, das am 8. Dezem-
ber 2015, dem Fest der Unbefleckten Empfängnis Mariens,
an dem sich das Ende des 2. Vatikanischen Konzils zum 50.
Mal jährt, der Geist ausgerechnet in Deutschland hinein er-
gießt. Der Berliner Romantiker von Lowtzow, der 2011 im
Duett mit Michaela Meise seine Klopstock-kontaminierte
Konversion vollzog, kann es kaum fassen: Während der off-
spring des protestantischen Pfarrhauses vorm Kanzleramt
Gräber aushebt, öffnen sich die Münchner am Münchner
Hauptbahnhof. Freilich nicht alle: Doch schon Tyconius
wusste, dass die eine Kirche zweigeteilt ist, eine helle und
eine finstre, niederträchtige Seite hat.

So exorbitant war dieser Erguss, dass er bis in die vermau-
ertsten Bereiche des deutschen Kulturprotestantismus vor-
drang. Die Klassenkonferenz der Studienräte spielt Görres-
gesellschaft: Rainald Goetz bekommt den Büchner-, Frank
Witzel den Buchpreis zugespochen. Zwei idealtypische Ge-
stalten des deutschen Katholizismus: der verhockte, von
der katholischen Tugend GEDULD tief durchdrungene Dias-
pora-Katholik und Herz-Jesu-Ministrant Witzel und der im
mainland des Katholizismus sozialisierte Goetz, den er —
vergeblich — mit manischer Luhmannlektüre zu exorzieren
versucht. Konfessionslos sind Wiesbadener Geständniszwang
und Münchner Bekenntnisdrang jedenfalls nicht.

Freitag, 16. Oktober 2015

已然 / 未然


















In Schanghai ist es jetzt vier Uhr nachmittags. Die victims
und addicts der Mode müssen noch bisschen Zeit totschla-
gen bis zum Cocktail, mit dem No Longer/Not yet im Min-
sheng Art Museum eröffnet wird. Chefdesigner Alessandro
Michele und Katie Grand, Editorin des Magazins LOVE, ha-
ben die Ausstellung für GUCCI kuratiert. Es geht um die
Frage, wie das Unzeitgemäße mit dem Zeitgenössischen
zusammenhängt. Darüber nachgedacht haben die chinesi-
sche Multimediakünstlerin Cao Fei, die Installationskünst-
lerin Rachel Feinstein, die Neokonzeptualistin Jenny Hol-
zer, die britischen Fotographen Glen Luchford und Nigel
Shafran, der britische Musiker und Musikproduzent Steve
Mackey, die chinesische Op-Art-Künstlerin Li Shurui und
die britische Künstlerin und Illustratorin Helen Downie
alias Unskilled Worker.   

Dienstag, 6. Oktober 2015

Ist das Kommende kommod?


















Vor ziemlich genau neun Jahren, vier Jahre nach Heidi
Paris’ Tod, schrieb Rainald Goetz seine „eigene, allge-
meine Programmschrift gegen die Verzweiflung“. Ein
halbes Jahr später gab es das Weblog KLAGE auf der
Homepage des deutschen Ablegers von Vanity Fair. Es
war ein tolles Jahr, 2007: Handkes KALI, Goetz’ KLAGE,
Tocotronics KAPITULATION…

Goetz schrieb täglich, der Sonntag war in der Regel Ru-
hetag. Titel, Text und Bild standen für sich. Anfangs
hatten auch die Bilder Titel: Meer mit wild besonnten
Wolken (3. April, siehe oben). Der Titel des Textes: Die
Verstümmelten. Mit Herrmann Ungars gleichnamigen
Roman („Frau Porges meinte, es sei ein Geschäft, das
einem Mann nicht anstehe. Polzer aber wusste, wie an-
genehm und erfrischend es sei, des Morgens verläßlich
geputzte Schuhe an den Füßen zu haben, und zugleich,
daß diese Tätigkeit keineswegs etwas Unmännliches an
sich haben könne, da doch überall, wo Diener im Hause
seien, wie in Hotels und bei reichen Leuten, dieses Ge-
schäft von Männern besorgt würde.“) hatte Goetz’ Text
nichts zu tun. Er war ein antienkomiastisches Manifest:  

Missbehagen wegen Lob, Textwidrigkeit von Lob, Sozi-
alterrorismus mit Lob, Aggressivität und Destruktivi-
tät von Lob. […] Das stricherhaft Abgefuckte des Lo-
bens, Lobnutten, Lobtrottel, Trottelkartelle gegensei-
tigen Lobens […] Am extremsten hat den Weg dieser
Art von Kaputtheit und Verblödung die dahingegange-
ne Springer-Zeitschrift DER FREUND begangen. Ob man
als Autor von Elke Heidenreich mit Lob niedergestampft
wird oder vom Schleimemphatiker Volker Weidermann,
ist nur ein gradueller Unterschied an Scheußlichkeit. 

Bemerkenswert ist nicht der „schimpfende Stil“, dessen
meisterliche Beherrschung bei Goetz nicht überrascht,
sondern die diagnostische Intuition, die Weidermann in
derselben Anstalt enden sieht wie Heidenreich: der öf-
fentlich-rechtlichen. Einmal erworben scheint man sich
auf den anatomisch-klinischen Blick verlassen zu können.
Schöner Nebeneffekt: „Schleimemphatiker“ Weidermann
bewies 2012, dass er nachtragend ist und durchaus auch
anders kann: Am 1. September — eine Woche vor Ablauf
der Sperrfrist — konnte Goetz in der FAS in Weidermanns 
Johann Holtrop-Verriss lesen, dass „er so etwas wie der
grantelnde, tourettehaft vor sich hinschimpfende Dorf-
schreiber von Berlin-Mitte geworden“ sei. 

Dienstag, 22. September 2015

L’inconscio dell’urbano


















Giocosità ed eleganza esplorano e contaminano lo spazio
urbano. La dérive adotta una strategia non convenzionale,
con movimenti indeterminati e casuali. Vie e percorsi che
rispondono alle stimolazioni della città. Cammini che si
muovono verso l’ignoto e che contemplano il perdersi co-
me occasione d’apprendimento. Un perdersi non fine a se
stesso ma matrice di ricerca esplorativa della realtà con-
temporanea, in cui raccolta e interpretazioni di segnali e
suggestioni danno vita a una collezione dai toni suggestivi
e simbolici.


















Gli abiti, mappe psico-geografiche capaci si registrare l’in-
conscio dell’urbano. Il tutto si riferisce alla Carta de Tendre, pubblicata nel 1654 da Madeline de Scudéry: una carta della tenerezza, topografia mobile di desideri.  

Dienstag, 15. September 2015

To Damascus


















From the long forgotten garden
On a ship, tied to the mast
I'm sailing over to Damascus
Driven forward by the past

And in the long forgotten chaos
Sits the one I'm looking for
Sailing over to Damascus
Landing on this Desertshore

Arriving in the Golden City
I start to sing my Chant d'Amour
Without loyalty or pity
For the one I'm looking for

From the long Forsaken Garden
On a ship, tied to the mast
I'm sailing over to Damascus
Driven forward by the past

Arriving in the Golden City
I start to sing my Chant d'Amour
Neither loyalty nor pity
For the one I'm looking for

Phantom/Ghost

Montag, 31. August 2015

We refugees


















Dass es Sprachkritikern in der Regel nicht um die Sprache
geht, sondern um die Diskreditierung konkreter Sprecher,
haben uns kürzlich die üblichen Verdächtigen wieder ein-
mal in Erinnerung gerufen. Erst erklärte Matthias Heine,
der Hobbyphilologe der WELT, Warum Flüchtlinge jetzt
oft „Refugees“ heißen, am Tag darauf spitzte Jan Fleisch-
hauer im Titel seiner SPIEGEL-Kolumne den besorgniserre-
genden Befund zu: Es heißt jetzt Refugee. Seinem kämpfe-
rischeren Naturell entsprechend wechselt er vom Modus
onkelhaften Erklärens in den des Warners vor einem dro-
henden gutmenschentümlichen Sprachgebot.

Werfen wir einen Blick in das Elaborat Heines, der meint,
ein neues linkes Schibboleth ausgemacht zu haben: „Denn
Linke erkennt man daran, dass sie von Refugees statt von
Flüchtlingen reden, und je linker, desto mehr sind sie zum
Gebrauch dieses Ausdrucks verpflichtet.“ Zwar gebe es für
Schilder mit der Aufschrift refugees welcome sprachprag-
matische Gründe, da man des Deutschen nicht mächtigen
Personen mitteilen wolle, „dass ihnen an dem so markier-
ten Ort geholfen wird“, sein inflationärer Gebrauch müsse
jedoch andere Gründe haben. 

Doch warum scheuen Linke vor dem Wort Flüchtlinge zurück?
[…] Es dürfte wohl der gleiche Grund dahinter stecken, der
viele Menschen neuerdings von Porn statt von Porno sprechen
lässt: Der englische Begriff klingt irgendwie neutraler, asepti-
scher, befreit von allen Konnotationen, die an so einem Wort
hängen. Und vor den historisch bedingten Nebenbedeutungen
des Wortes Flüchtling scheuen Linke mit einigem Recht zurück.
Weder die Flüchtlinge aus den ehemaligen deutschen Ostgebie-
ten nach 1945 noch auch diejenigen aus der DDR nach 1961 wur-
den von ihnen jemals mit soviel Mitleid gewürdigt wie die neu-
en Flüchtlinge auf dem Mittelmeer. Da kann es schon eine se-
mantische Strategie sein, so zu tun, als handele es sich jetzt
bei den Refugees um einen ganz neuen Typus. 

Einmal davon abgesehen, dass Heines Springer-Kollegen, die für
Blätter ohne Hausphilologen arbeiten, sich an refugee porn auf
der Titelseite aufgeilen, ist diese Erklärung auch noch aus ande-
ren Gründen pikant. Denn „die Flüchtlinge aus den ehemaligen
deutschen Ostgebieten nach 1945“ hießen in der alten BRD be-
kanntlich nicht Flüchtlinge, sondern Heimatvertriebene. Hier ist
nicht der Ort, die hinter dieser Benennung stehende „semanti-
sche Strategie“ zu erörtern. Vom offiziellen DDR-Begriff „Repu-
blikflüchtige“ ganz zu schweigen. Skandalös ist dieser Deutungs-
versuch jedoch aus einem anderen Grund: Er unterschlägt die
deutschen Flüchtlinge nach 1933, die gezwungen waren, ihre ge-
liebte Muttersprache aufzugeben und sich fortan in der Sprache
ihres Gastlandes mitzuteilen. 

Der in Parchim geborene Erich Weil hieß nunmehr Éric Weil und
wurde französischer Professor, Leo Strauss, Ernst Kantorowicz 
und Hannah Arendt verschlug es in die Vereinigten Staaten. Ihre
Publikationen verfassten sie von nun an auf Englisch. Ein Blick
auf die Rückseite von Hannah Arendts „passersetzendem Identi-
tätsnachweis (Affidavit of Identity in Lieu of Passport)“ aus dem
Jahr 1949 (Detail s.o.), lässt Heines pseudokluges Räsonnement
so verblödet erscheinen, wie es tatsächlich ist. Und es kommt
noch besser: 1943 veröffentlichte Hannah Arendt im Menorah
Journal, einer jüdischen Zeitschrift in englischer Sprache, einen
Artikel mit der Überschrift We refugees, der 1986 in einer Auf-
satzsammlung (Zur Zeit. Politische Essays) auch auf Deutsch er-
schien. Im Original beginnt er so:

In the first place, we don’t like to be called “refugees.” We
ourselves call each other “newcomers” or “immigrants.” Our
newspapers are papers for “Americans of German language”;
and, as far as I know, there is not and never was any club foun-
ded by Hitler-perscuted people whose name indicated that its
members were refugees.
A refugee used to be a person driven to seek refuge because
of some act committed or some political opinion held. Well,
it is true we have had to seek refuge; but we committed no
acts and most of us never dreamt of having any radical opinion.
With us the meaning of the term “refugee” has changed. Now
“refugees” are those of us who have been so unfortunate as to
arrive in a new country without means and have to be helped
by Refugee Committees.

Samstag, 29. August 2015

Manifest der Dritten Landschaft


















Es ist nahezu unmöglich, Gilles Clément, einen der größ-
ten Gartentheoretiker unserer Tage, nicht zu kennen. Im
Jahr 2010 erschien sein Manifest der Dritten Landschaft 
im Merve Verlag. „Was ist die Dritte Landschaft?“ Lesen
wir Seite zwölf: „Der Name bezieht sich auf Sieyès’ Pam-
phlet von 1789:
 
Was ist der Dritte Stand? – Alles.
Was ist er bisher gewesen? – Nichts.
Was hofft er zu sein? – Etwas.

Jüngst ist bei Matthes und Seitz Gärten, Landschaft und
das Genie der Natur erschienen, Cléments Antrittsvorle-
sung am Collège de France.


 

Mittwoch, 8. Juli 2015

State of the Art


















Wie Cord gelegentlich seiner Besprechung von Goetz’ los-
labern einmal feststellte, „geht der proustianische Leni-
nist so wach durch die Schlucht der Buchmesse, dass ihm
das schönste Geschenk der Wirklichkeit, die Todesfahrt
des Jörg Haider, zu dem »Realkunstwerk des Jahres 2008«
wird.“ Die Passage zum Haider-Crash sei sprachlich Auge
in Auge mit Thomas Bernhard: „eine der schönsten des Bu-
ches und dabei ohne Häme“. Grund genug, die Stelle ein-
mal im Zusammenhang zu lesen.

Der Haider-Crash war das Realkunstwerk des Jahres 2008,
das Überkunstwerk überhaupt, ich hatte in den Nächten
vor der Buchmesse nichts anderes gemacht, als stunden-
lang im Internet die letzten und neuesten Details zur To-
desfahrt des Haider mir anzuschauen, alles zu lesen, was
dazu geschrieben und gemeldet wurde, und mir vorallem
bis ins allerletzte genau diese berühmten allerletzten Se-
kunden und Sekundenbruchteile im Leben des Haider, von
seinem Bewusstsein aus gesehen, ganz genau vorzustellen,
räumlich, gedanklich, gefühlsmäßig, verbal, die Obszönität
dieser Hineinversetzung in den Haider war mir dabei klar,
aber egal, die Vorstellung dieses tatsächlich ja Geschehnis
gewesenen Realitätsmoments war eine für mich vernünfti-
ge, richtige, sozusagen phantastische Empathie ins Nicht-
phantastische realer Welten. Besonders dieser eine Stein
am Straßenrand hatte es mir angetan, der dafür gesorgt
hatte, dass der Haider diesen einfachen Überschlag in sei-
nem an sich ja todsicheren Phaeton nicht überlebt hatte,
weil dieser Stein exakt an der Stelle am Straßenrand ge-
standen hatte, wo der haidersche Phaeton ausgerechnet
mit der Windschutzscheibe, also ohne jeden Schutz, auf-
geschlagen und eingeschlagen war, wäre der Stein da
nicht gewesen oder der Phaeton auch nur ein kleines biss-
chen weiter oder weniger weit herumgewirbelt gewesen
an dieser Einschlagsstelle, wäre der Haider kopfschüttelnd
aus seinem gar nicht so extrem zerstörten Wrack ausge-
stiegen, hätte seinen Lebensmenschen, den verrückten
Stefan »Lebensmensch« Petzner, angerufen, dass er ihn
schnell abholen soll, bevor die Polizei kommt usw, aber
diese Möglichkeit hatte das Zusammentreffen von Straßen-
randstein und Wirbelwinkel des Autos nicht zugelassen,
der Kopf des Haider hatte sich, bei Tempo 170 durch die
flache Kurve schwebend, eine elektronische Animation
war schon in der zweiten Nacht zugänglich, von einer
quasi hinter dem Auto herfliegenden Kamera aus gesehen
konnte man die letzten paar hundert Meter der Fahrt des
Phaeton vor dem Crash genau und immer wieder nachvoll-
ziehen, exakt auf diesen einen Stein hinbewegt, um an
diesem Stein so zerschmettert zu werden, dass das in die-
sem Kopf befindliche Hirn des Haider so kaputt gegangen
war, dass allein von daher ein Weiterleben des Haider-
schen Bewusstseins und seines sonstigen Körpers nicht
mehr möglich gewesen war.