Samstag, 15. März 2014

Heidegger, Gagarin und wir


















Die Technik ist gefährlich. Sie bedroht nicht nur die Identi-
tät der Person. Sie läuft Gefahr, den Planeten zu sprengen.
Aber die Feinde der Industriegesellschaft sind meistens
Reaktionäre. Sie vergessen oder verabscheuen die großen
Hoffnungen unserer Zeit. Denn noch nie war der Glaube an
die Befreiung des Menschen […] stärker. Er beruht nicht auf
den Erleichterungen, die die Maschinen und die neuen Ener-
giequellen dem kindlichen Geschwindigkeitstrieb bieten; er
beruht nicht auf dem schönen mechanischen Spielzeug, das
die ewige Kindlichkeit der Erwachsenen in Versuchung führt.
Er hängt nur mit der Erschütterung der sesshaften Zivilisatio-
nen zusammen, mit dem Abbröckeln der lastenden Schwere
der Vergangenheit, mit dem Verblassen des Lokalkolorits, mit
den Rissen, die alle diesen sperrigen und beschränkten Dinge
bekommen, an die sich die menschlichen Partikularismen an-
lehnen. Man muss unterentwickelt sein, um sie als Daseins-
gründe zu beanspruchen und in ihrem Namen um einen Platz
in der modernen Welt zu kämpfen. Die Entwickung der Tech-
nik ist nicht die Ursache – sie ist bereits die Wirkung dieser
Entleerung der menschlichen Substanz, die sich ihrer nächt-
lichen Schwere entledigt.

Ich denke an eine einflussreiche Strömung des modernen Den-
kens, die in Deutschland entstand und die heidnischen Schlupf-
winkel unserer abendländischen Seele überschwemmt. Ich den-
ke an Heidegger und die Heideggerianer. Man möchte, dass der
Mensch die Welt wiederfinde. Die Menschen hätten die Welt
verloren. Sie kennen angeblich nur die vor sie gestellte, in ge-
wisser Weise ihrer Freiheit entgegenstehende Materie, sie ken-
nen nur Gegenstände.

Die Welt wiederfinden heißt eine auf geheimnisvolle Weise in
einem Ort zusammengekauerte Kindheit wiederfinden, sich
dem Licht der großen Landschaften, der Faszination der Natur,
den majestätisch hingelagerten Bergen öffnen; es heißt einen
Pfad benutzen, der sich durch die Felder schlängelt; es heißt
die Einheit spüren, das Helldunkel der Wälder, das Geheimnis
der Dinge, eines Krugs, der abgetretenen Schuhe einer Bäuerin,
das Funkeln einer Weinkaraffe auf einem weißen Tischtuch. Das
Sein des Realen selbst würde sich hinter diesen priviligierten
Erfahrungen zeigen, sich der Obhut des Menschen anvertrauend.
[…] Da haben wir sie also, die ewige Verführung des Heidentums,
jenseits der Infantilität des seit langem überwundenen Götzen-
diensts. Das Heilige, das durch die Welt hindurchscheint […].
Das Geheimnis der Dinge ist die Quelle jeder Grausamkeit gegen
den Menschen. Das Eingepflanztsein in eine Landschaft, die Ver-
bundenheit mit dem Ort, ohne den das Universum bedeutungs-
los würde und kaum existierte — eben dies ist die Spaltung der
Menschheit in Einheimische und Fremde. Und in dieser Perspek-
tive ist die Technik weniger gefährlich als die Geister des Orts.



















Die Technik beseitigt das Privileg dieser Verwurzelung und des
Exils, das sich darauf beruft. Sie befreit von dieser Alternative.
Es geht nicht darum, zum Nomadentum zurückzukehren, das
ebenso unfähig ist wie das sesshafte Leben, einer Landschaft
und einem Klima zu entrinnen. Die Technik entreißt uns dieser
Heidegger’schen Welt und dem Aberglauben des Orts. Von nun
an zeigt sich eine Chance: die Menschen außerhalb der Situation
wahrzunehmen, in der sie sich vorübergehend aufhalten, das
menschliche Antlitz in seiner Nacktheit aufleuchten zu lassen.
Sokrates zog der Landschaft und den Bäumen die Stadt vor, wo
man den Menschen begegnet. Das Judentum ist ein Bruder der
sokratischen Botschaft.

Bewundernswert an Gagarins Großtat ist gewiss nicht seine gran-
diose Nummer im Lunapark, die die Massen beeindruckt; nicht die
sportliche Leistung, die anderen zu überflügeln, alle Höhen- und
Geschwindigkeitsrekorde zu brechen. […] Was vielleicht mehr als
alles andere zählt, ist die Tatsache, den Ort verlassen zu haben.
Eine Stunde hat ein Mensch außerhalb jedes Horizonts existiert —
alles um ihn herum war Himmel, oder genauer, alles war geome-
trischer Raum. Ein Mensch existiert im Absoluten des homogenen
Raums.

Emmanuel Lévinas, „Heidegger, Gagarine et nous“, in: Information 
juive, Nr. 131, Juni-Juli 1961, a. d. Franz. v. Eva Moldenhauer.