Montag, 29. Dezember 2014

Wutbürgers Silvester


















In Ermangelung guter Vorsätze beschwert man sich Silves-
ter 2014 mit William Blake bei Nobodaddy:

Why art thou silent and invisible,
Father of Jealousy?
Why dost thou hide thyself in clouds
From every searching eye?

Why darkness and obscurity
In all thy words and laws,
That none dare eat the fruit but from
The wily Serpent’s jaws?
Or is it because secrecy gains females’ loud applause?

Dienstag, 23. Dezember 2014

No Way



















NO WAY!!!!!! PEGIDA WILL NOT MAKE BERLIN HOME!!!!!!
PEgIdA? In Berlin — Fehlanzeige; nicht einmal eine Gegen-
demonstration. Vielleicht weil Berliner „GIDA“ nicht als
Abkürzung für „gegen die Islamisierung des Abendlands“
kennen, sondern als ein türkisches Wort, das „Nahrung“,
„Lebensmittel“ bedeutet: Gıda Marketler, „Lebensmittel-
geschäft“.



















Das historische Ereignis, das 1989 Westberliner bewegte,
war die Gründung des Supermarkts Öz-Gıda, der seit fünf-
undzwanzig Jahren die PG-Tips-, Da Checco-, et al.-Ver-
sorgung sichert. Berlin Gıda, Euro Gıda, Öz Gıda: Wir sind
versorgt. Wir brauchen nichts. Hausieren verboten!

Donnerstag, 11. Dezember 2014

Sachsens Abendland


















Die Werte des Abendlands verteidigende Sachsen waren in
der Regel Sorben. Bestes Beispiel: Alojs Andritzki. Geboren
am 2. Juli 1914 in Radibor wurde er am 3. Februar 1943 im
KZ Dachau ermordet. Am 13. Juni 2011 in einem Pontifikal-
amt vor der Dresdner Kathedrale Sanctissimae Trinitatis se-
liggesprochen, darf ihm nun an seinem Todestag (3. Feb.)
feierlich gedacht werden. Sonderlich inspiriert war die Be-
gründung des deutschen Papstes nicht: 

Auctoritate Nostra Apostolica facultatem facimus ut Vene-
rabilis Servus Die Aloisius Andritzki, presbyter et martyr,
pastor secundum cor Domini Iesu, intrepidus praeco Regni
Dei, quod regnum est veritatis et vitae, sanctitatis et gra-
tiae, iustitiae, amoris et pacis, Beati nomine in posterum
appelletur, eiusque festum die tertia Februarii, qua in cae-
lum est natus, in locis et modis iure statutis quotannis ce-
lebrari possit.


















Es gibt eine Fotographie, die die Familie des presbyter et
martyr am Tag seiner Beerdigung zeigt (am 15. April 43,
zweieinhalb Monate nach seinem Tod): seine Eltern, sei-
ne beiden Schwestern und zwei seiner drei Brüder. Noch
wissen sie nicht, dass ihr Sohn und Bruder knapp siebzig
Jahre später Gegenstand apostolischer Schreiben wird.
Noch sind sie Sorben unter Nazis.

B. Aloisius, ora pro nobis!

Montag, 10. November 2014

Warum es die Welt nicht gibt


















Widersinnigste, durch zwei Kriege beschleunigte Flucht-
linien mussten sich treffen, damit meine Geburt an ei-
nem der unwahrscheinlichsten Orte stattfinden konnte:
dem amerikanischen Sektor der ehemaligen Reichshaupt-
stadt. Fünfundzwanzig Jahre lebte ich glücklich in jener
selbstgenügsamen urbanización, in der die altehrwürdige
Unterscheidung von extra und intra muros neue Plausibi-
lität erlangte.

Dann streikten im Wintersemester 1988/89 nicht nur in

Westberlin die Studenten. Einige Institute der FU wurden
besetzt, Vollversammlungen und autonome Seminare ab-
gehalten. Goldene Zeiten des Lesens und Posens. Am En-
de Erschöpfung, Resignation ins nicht Erreichte. Letzter
verzweifelter Aufruhr: eine Solidaritätsdemo mit sichtlich
bewegten chinesischen Kommilitonen auf der Straße des
17. Juni für die Studenten auf dem Platz des himmlischen
Friedens — lange bevor es ernst wurde.


















Das vorschriftsmäßig verlaufende Sommersemester 89 be-
steht in meiner Erinnerung aus einer einzigen Lehrveran-
staltung, deren genaue Typenbezeichnung (PS, HS, OS, V)
mir entfallen ist. Jedenfalls bot der Dozent einen Kittler’
ischen Nietzsche-Kommentar (Geburt der Tragödie, Wag-
ner-Schriften, etc.), der gelegentlich durch Wissensfragen
an die Hörer unterbrochen wurde. Taubes weilte nun seit
gut zwei Jahren nicht mehr unter den Lebenden, was Bolz
verwunden zu haben schien. Er war bester Dinge. Man be-
kam direkt Lust auf ein Auslandsstudium. Die Semesterfe-
rien mit der Evaluierung diverser spanischer Universitäts-
städte verbracht: Erste Zweifel regten sich. Zweifel, die
schnell zerstreut waren, als mich der Restelan die Ferien-
sprechstunde des Leiters der ZE Moderne Sprachen wahr-
nehmen ließ.

Vorbei an dem Hörsaal, in dem vor paar Monaten Ringvor-

lesungsgast Sloterdijk — obgleich von der Holzpistole des
Lehrveranstaltungssprengkommandoführers Christian be-
droht — unerschrocken das eigentliche Problem des Uni-
streiks benannte: „Sie setzen den Fuß auf eine Leiche.“
Vor der Zentraleinrichtungsleitertür sprach ich ein Stoß-
gebet an die vier norddeutschen Nothelfer: „Etwas besse-
res als den Tod findest du überall!“ Und siehe da, ehe ich
meine Fragen zu den Sprachprüfungen für ein Auslandssti-
pendium stellen konnte, war ich es, der zu antworten hat-
te: Ob es im Bereich des Vorstellbaren läge, lieber heute
als morgen nach Barcelona aufzubrechen, um als erster
Erasmusstudent der FU Berlin an der Escola Universitària
de Traductors i Intèrprets der Universitat Autònoma de
Barcelona ein Studienjahr zu verbringen. Ende September
ging es im schwer beladenen Kadett richtung Katalonien.

















Von Wohnungssuche und Studienleistungsanerkennungsfragen absorbiert, ganz weit weg von Deutschland. Und es ist 1989: kein Internet, kein mobile 

Freitag, 7. November 2014

Willensmetaphysik

 
















Wer seinen Kindern schon in jungen Jahren auf spielerische
Weise den Geist unermüdlicher Tätigkeit einpflanzen möch-
te, dem sei zum Besuch eines kulturellen Monuments unse-
rer westlichen Nachbarn geraten, das sich in Hauterives be-
findet, einer Gemeinde mit 1720 Einwohnern im Norden des
Département Drôme: Der Idealpalast des Postboten Pferd.
Kinder, je jünger desto besser, kapieren sofort, worum es
geht. Willenlos händigt man den sogenannten Foto an das
fordernde Kleinkind aus — und wird belohnt:
An Infant’s View of facteur Cheval’s «Ideal Palace».



















© Franz Hiepko, Hauterives (2014).

Montag, 27. Oktober 2014

We’ll never stop living this way


















Bekanntlich steht im L’Abécédaire de Gilles Deleuze, ei-
nem 1988 aufgezeichneten, alphabetisch strukturierten
Fernsehinterview, das T für Tennis. Deleuze spricht von
Vilas, Lendl, Connors (folgerichtig ignoriert er den Deut-
schen, der 1985 den ersten Sieg auf seinem Vernichtungs-
feldzug feierte), doch im Zentrum seiner Überlegungen
stehen zwei Spieler, die auf den Centre Courts eine alte
Frage zu beantworten suchten: „Wissen wir, was ein Kör-
per vermag?“   

Den großen Wendepunkt im Tennis markierte seine Pro-

letarisierung. Eine Proletarisierung mit Einschränkungen. 
Ich will damit sagen, dass Tennis ein Massensport wurde.
Nicht proletarische Massen, sondern Massen von leitenden
Angestellten, doch nennen wir es Proletarisierung. […] Es
war Borg, dem wir einen massenkompatiblen Tennisstil
verdanken. […] Dieses Massentennis setzte die Erfindung
einer völlig neuen Spielweise voraus. Der Anti-Borg, das
war McEnroe. Jeder konnte Borgs Spielweise nachvollzie-
hen. Topspin, hohe Bälle. Das war das Gegenteil aristo-
kratischer Prinzipien. Welch ein Genie! Borg ist wie Chris-
tus, ein Aristokrat, der zum Volk geht… ein… doch ich rede
dummes Zeug! […] McEnroe war der Aristokrat. Ägyptischer
Service. Russische Seele. Er erfand seine Schläge und wusste,
dass sie niemand würde nachahmen können. Ihm gelangen
atemberaubende Schläge. Er setzte die Bälle. Er erfand das
Serve-and-volley-Gefüge.

Donnerstag, 9. Oktober 2014

Odiles Cousin


















Vor gut fünfzig Jahren kam ein Film in die französischen
Kinos, in dem Patrick Modianos Mutter in einer Nebenrol-
le zu sehen war: Jean-Luc Godards Bande à part. Louisa
Colpeyn spielte Mme Victoria, die Tante der Protagonistin
Odile (Anna Karina). Auch wenn es jeder weiß, der sich
mit der Geschichte des Kinos ein wenig auskennt: Odile,
die in der Villa ihrer Tante im Pariser Vorort Joinville als
Hausmädchen arbeitet, lernt in einem Englischkurs Franz
(Sami Frey) kennen. Gemeinsam mit dessen Freund Arthur 
(Claude Brasseur) schlagen sie die Zeit tot: Sie cruisen in
einem Simca Cabrio durch Paris, tanzen in Cafés, rennen
durch den Louvre. Als Odile erzählt, dass bei ihrer Tante
ein gewisser Herr Stoltz ein Zimmer habe, in dem er un-
ermesslich viel Geld aufbewahre, passiert, was passieren
muss. Am Ende sind die Tante und Arthur tot, Odile und
Franz brechen auf gen Süden.   

Freitag, 3. Oktober 2014

Exportweltmeister


















Wie uns jüngst von einem bayerischen LKA-Mann glaub-
haft erklärt wurde, liefert Deutschland nicht nur fleißig
Kleinwaffen in alle Welt, sondern auch die erforderlichen
user gleich mit. Stehen einem ausreisewilligen Islamisten
nicht die erforderlichen Finanzmittel zur Verfügung, wird
er auf Staatskosten in die Türkei ausgeschafft: in der Re-
gel in Ortschaften nahe der syrischen Grenze. Der Export
gefährlicher Güter hat in Deutschland Tradition. In der 2.
Hälfte der 60er Jahre des letzten Jahrhunderts war es der
nationalsozialistisch kontaminierte Heidegger, den man in
Südfrankreich Seminare geben ließ. Anders als dem jüngst
für den Export bestimmten Allgäuer Fachabiturienten und 
Wirtschaftsinformatikstudenten ging es Heidegger jedoch
nicht darum, jungen Ausländern den Kopf abzutrennen,
sondern lediglich zu verdrehen.
 
Dass Heideggers Auslandsmission erfolgreich war, bezeugen
Namen wie Sartre, Levinas, Foucault, Derrida und Agamben.
Zugleich weisen diese Namen darauf hin, dass deutsche „Ge-
richte“ über seinen Nationalsozialismus und seinen Antisemi-
tismus nicht zu befinden haben. Als sich das offensichtlich in
Atemnot befindende Philosophiemagazin Hohe Luft zum 125.
Geburtstag Heideggers mit dem Hashtag #schlussmitheidegger aufmerksamkeitsökonomisch Luft zu verschaffen versuchte,
erregte das lediglich den Widerspruch des abgehalftertsten
Gauls, der auf Friedes Gnadenhof für meinungsstarke Journa-
listen ein dürftiges Dasein fristet: „… die Enkelin Imke erzählt,
dass er sich Zeit genommen hat, man hörte Musik zusammen,
er konnte sich herrlich über Fussball ereifern, Beckenbauer
war sein Held. Wie schön zu wissen, dass bei Heideggers nicht
nur von den letzten Dingen geraunt wurde.“

Wenden wir unseren Blick ab vom deutschen Trauerspiel und
widmen uns der jungen Frau, die der achtzigjährige Philosoph
mit einem Blick bedenkt, den wir sonst nur von den Greisen
kennen, die Susanna beim Baden betrachten. Die Sophistik-
spezialistin Barbara Cassin nahm 1969 am dritten und letzten
Seminar von Le Thor teil. François Fédier verdanken wir nicht
nur dieses Foto (Soixante-deux photographies de Martin Hei-
degger, Paris: Gallimard 1999). Der Nouvel Obs veröffentlich-
te vor einem Monat, was sie Eric Aeschimann über ihre Begeg-
nung mit dem penseur allemand erzählte.

September 1969, ich war 22 und zu dem Seminar eingeladen,
dass Heidegger in Le Thor bei René Char gab. Wir waren weni-
ger als zehn Teilnehmer, wohnten im hôtel du Chasselas, wo
wir gemeinsam aßen. Heidegger hielt sein Seminar morgens
ab, nachmittags machten wir gelegentlich ausgedehnte Spa-
ziergänge. 

Es war ein Glücksfall, an diesem Seminar teilnehmen zu kön-
nen. Wir wussten alle, dass er Nazi gewesen war, Rektor der
Universität, aber wir waren bei René Char, dem Capitaine
Alexandre der Résistance. Heidegger erklärte uns die Grie-
chen und die Bedeutung der Dichtung für das Denken. In sei-
nem schwülstigen Deutsch standen sich Philosoph und Dichter
auf zwei Gipfeln gegenüber; Char sah in ihnen Gefangene, die
durch ein kleines Loch in der Wand kommunizieren. 

Selbst als Jüdin war seine Vergangenheit für mich nicht hinder-
lich, sondern fragwürdig. Doch als ich nach ein paar Tagen mei-
ne Briefe auf die Post gab, sprach mich jemand an: „Sie heißen
Cassin und frühstücken mit einem Nazi!“ Und er spuckte mich
an. In dem Moment wurde mir etwas klar, dass ich heute dank 
Arendt so formulieren möchte: Philosophen lieben Tyrannen,
das ist ihre déformation professionnelle.

Als ich die Feier seines achtzigsten Geburtstags in der Schweiz

besuchte, frühstückte ich bei ihm in Freiburg gemeinsam mit
seiner Frau Elfriede mit Blick auf ihr unbeheiztes Schwimmbad,
in dem sie jeden Morgen schwammen. Ich glaube nach wie vor,
dass Heidegger ein großer Philosoph und zugleich ein gewöhn-
licher Nazi war: Damit muss die Philosophie zurechtkommen.
 

Sonntag, 28. September 2014

Chez Jean-Jacques Pauvert


















Ein Gruß an Merves Facebookseite:


















Histoire d’O / par Pauline Réage. Précédé de « Le bon-
heur dans l’esclavage », par Jean Paulhan, Sceaux : J.-J.
Pauvert, 1954.


















Dictionnaire de la langue française / par Emile Littré,
Paris : J.-J. Pauvert, 1956-1958.



















Sade. Français, encore un effort, extrait de « la Philo-
sophie dans le boudoir ». Précédé de « L'Inconvenance
majeure », par Maurice Blanchot, [Paris,] : J.-J. Pau-
vert, 1965.

















  
Siné. Dessins politiques, [Paris,] : J.-J. Pauvert, 1965. 

Vom l’Express abgelehnte Karikaturen Sinés (Okt. 1960):

Les r’voilà !

Le gouvernement français vient d’autoriser l’armée alle-
mande à venir faire des manœuvres en France.

— Vous n’en avez pas de frais, qui sorte du four ?

— Pardon monsieur, pour Oradour s’il vous plaît ?…

Freitag, 26. September 2014

@HassanRouhani


















Auf der 69. Vollversammlung der Vereinten Nationen war
Obama nicht der einzige Redner — auch wenn das die so-
genannte deutsche Qualitätspresse suggerieren möchte.
Obgleich in gespannter Erwartung, lässt sie sich mit einer
literarischen Anspielung abspeisen. Joseph Conrads Heart
of darkness ist vielen Feuilletonisten ein Begriff, weil sie
gehört haben, dass der tolle Vietnamfilm Apocalypse Now
irgendetwas damit zu tun haben soll. Das „unfassbar Böse“
wird so „ein Stück weit“ greifbarer. Und natürlich war es
eine Steilvorlage für crazy Überschriften. Das am nächsten
Tag Hassan Ruhani sprach, ging dabei völlig unter. Wollte
man wissen, welche Haltung der Präsident der Islamischen
Republik Iran zum Daesch-Terror hat, musste man auf die
Internetpräsenzen israelischer Zeitschriften zurückgreifen,
die sehr schnell eine englische Übersetzung von Ruhanis
Rede zugänglich machten.


     















Statt einer Analyse der Rede Ruhanis wird Hobbyphiologie
gebracht. In der Welt versucht sich Matthias Heine an Be-
griffsgeschichte. Sein „ABC des Islamischen Staats“ ent-
puppt sich jedoch sehr schnell als stümperhaftes Referat
Voltaire’schen Mohammedbashings. (So tödlich falsch er
lag, mit einem hatte Chairman Mao recht: „No investiga-
tion, no right to speak!“). Halten wir uns lieber an Hassan
Ruhani, der 1999 im fortgeschrittenen Alter von fünfzig
Jahren an der Glasgow Caledonian University unter sei-
nem bürgerlichen Namen Hassan Feridon mit der Arbeit
The Flexibility of SHARIAH (Islamic Law) with reference
to the Iranian experience den PhD erwarb. Anders als so
manchen deutschen Unionspolitiker wird man den irani-
schen Hodschatoleslam auf den Inhalt seiner Dissertation
festnageln können.

 

Montag, 15. September 2014

Abschied vom Homo sacer


















Die Tage sind gezählt. Diese Woche soll ein Buch erschei-
nen, mit dem ein vor fast zwei Jahrzehnten begonnenes
Projekt abgeschlossen wird: Der zweite Teil des vierten
Bandes von Giorgio Agambens Werkzyklus Homo sacer 
wird auch sein letzter sein. Auf einem Ausschnitt von
Tizians Bacchanal der Andrier, das um 1520 für Alfonso
d’Este gemalt wurde und heute im Prado hängt, steht in
Weiß der Name des Autors und der Titel: L’uso dei corpi.
„Der Gebrauch der Körper“ beschließt, was 1995 mit ei-
nem noch nicht nummerierten Buch begann: dem bald
berühmten Homo sacer. Es war ein langer Weg von „der
souveränen Macht und dem nackten Leben“ — wie seiner-
zeit der Untertitel lautete — zum „Körpergebrauch“, den
sechs weitere Teilbände säumen, oder — glaubt man der
Ankündigung Neri Pozzas, des Verlags bei dem der letzte
Teilband erscheint — sogar sieben. „Nach den acht vor-
ausgegangenen archäologischen Untersuchungen werden
hier die Ideen und Begriffe, von denen sich die analytische
Durchdringung unerforschten Gebiets leiten ließ, benannt
und ausgearbeitet.“

    
  















Auch wenn Toni Negri in seiner am 24. Februar 2012 in il
Manifesto erschienenen Besprechung von Opus Dei (Homo
sacer II,5) von einer „kapriziösen und irreführenden Spie-
lerei der Nummerierung“ spricht, ist sie womöglich — wie
bei Friedrich Kittlers Musik und Mathematik und Rainald
Goetz’ gesamtem Textkorpus — mehr als das, nämlich der
Grundriss eines Werkes, der bekanntlich erst sichtbar wird,
wenn das Gebäude niederbrennt. Zählen wir also noch ein-
mal durch:

[I]     Homo sacer
II,1   Ausnahmezustand
II,2   Herrschaft und Herrlichkeit
II,3   Das Sakrament der Sprache
[II,4]
II,5   Opus Dei
III     Was von Auschwitz bleibt
IV,1  Höchste Armut
IV,2  Der Gebrauch der Körper


















Offiziell gibt es Homo sacer II,4 nicht, d.h. es gehen dem
letzten Band nicht — wie in der Ankündigung behauptet —
acht, sondern lediglich sieben „Untersuchungen“ voraus.
Die Mitte des Werkes bliebe also leer. Doch vielleicht ist
eines der Bücher, die Agamben seit 1995 neben den Homo-
sacer-Bänden veröffentlicht hat, die Apokryphe, die diese
Leere füllt: die Noten zur Politik Mittel ohne Zweck (1996),
das Paulus-Buch Die Zeit, die bleibt (2000), das dem Tier-
Mensch-Verhältnis gewidmete Das Offene (2002), die Me-
thodologie Signatura rerum (2008), die Essaysammlungen
Profanierungen (2005) und Nacktheiten (2009) wohl eher
nicht. Darüber wird man länger nachdenken können.             

Donnerstag, 4. September 2014

Картинки с выставки


















Es müssen Männer mit Bärten sein,


















Männer mit Bärten müssen es sein.

















 Dekapitation jedoch ist und bleibt Frauensache.

Mittwoch, 20. August 2014

Umbesetzungen


















From CALIFORNIA LOVE


















to GLOBAL JIHAD


Dienstag, 19. August 2014

Destituent Power


Dienstag, 29. Juli 2014

List der Vernunft


















Daß der Zweck sich unmittelbar auf ein Objekt bezieht,
und dasselbe zum Mittel macht, wie auch daß er durch
dieses ein anderes bestimmt, kann als Gewalt betrachtet
werden […]. Daß der Zweck sich aber in die mittelbare 
Beziehung mit dem Objekt setzt, und zwischen sich und
dasselbe ein anderes Objekt einschiebt, kann als die List 
der Vernunft angesehen werden. […] In der unmittelba-
ren Beziehung auf [das Objekt] träte [der Zweck] selbst
in den Mechanismus oder Chemismus und wäre damit der
Zufälligkeit und dem Untergange seiner Bestimmung, an
und für sich seyender Begriff zu seyn, unterworfen. So
aber stellt er ein Objekt als Mittel hinaus, läßt dasselbe
statt seiner sich äußerlich abarbeiten, giebt es der Auf-
reibung Preis, und erhält sich hinter ihm gegen die me-
chanische Gewalt.

Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Wissenschaft der Logik.

Donnerstag, 3. Juli 2014

Urkatastrophe


















Benjamins Ahnung, dass „der Feind, vor dem auch die
Toten, wenn er siegt, nicht sicher sein werden, nicht zu
siegen aufhören wird“, hat sich heute wieder vollauf be-
stätigt. Der Bundestag verlegt den Beginn des 1. Welt-
kriegs, der bekanntlich frühestens Ende Juli begann, mal
eben vier Wochen vor. Im Deppenuniversum der Volksver-
treter löst der 19jährige Oberschüler Gavrilo Princip den
Weltkrieg aus: Schuldfrage endlich geklärt. Flankierend
setzt Bundeskanzlerin Merkel das völlig verfehlte Wort von
der „Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts“ durch. Halb so
wild.

  

Freitag, 27. Juni 2014

Kandinskys Konkrete Kunst


















Entassement réglé (1938), detail

… Haben Sie bemerkt, währenddem ich lange Zeit von
der Malerei und ihren spezifischen Ausdrucksmöglich-
keiten gesprochen habe, sagte ich kein Wort über den
darzustellenden Gegenstand. Die Erklärung dieser Tat-
sache ist sehr einfach: ich habe über die wesentlichen
malerischen Mittel gesprochen, das heisst über die un-
ersetzlichen.
Man wird nie die Möglichkeit finden, ohne Farbe und
Form zu malen. Aber die Malerei ohne Gegenstand
existiert in unserem Jahrhundert schon länger als 25 
Jahre … 

Wassily Kandinsky in einem Aufsatz über „L’art concret“
in der Zeitschrift XXe siècle, Paris, März 1938

Zitiert nach „Ueber konkrete Kunst“ (anonymer Artikel
im 8. Heft des 25. Jahrgangs [1938] der Schweizer Mo-
natsschrift Das Werk, dem offiziellen Organ des Bundes
Schweizer Architekten und des Schweizerischen Werk-
bunds). 

Am 14. Januar 1939 veröffentlichte die in Rio de Janei-
ro erscheinende Zeitschrift Dom Casmurro die portugie-
sische Übersetzung von Kandinskys Aufsatz. Die in Das
Werk zitierte Stelle lautet hier: 

Já notaram que, falando muito de pintura e dos seus
meios de expressão, eu ainda não disse uma palavra so-
bre o “objeto”? A explicação deste fato é bem simples.
É que eu até agora só falei dos meios pincturais essen-
ciais, isto é, inevitaveis. Não se compreende a pintura
sem côres e sem desenho, mas a pintura sem “objeto”
existe no nosso seculo ha já mais de vinte e cinco anos.

Donnerstag, 12. Juni 2014

Hunnensturm auf Klein Brasilia


















Wie dem „offiziellen Hauptstadtportal“ Berlin.de zu ent-
nehmen ist, wird es „auch zur Fußball Weltmeisterschaft
2014 in Brasilien […] wieder eine Fanmeile in Berlin geben.
Hunderttausende Fußballfans können im Sommer 2014 auf
der Straße des 17. Juni zwischen Siegessäule und Branden-
burger Tor mitfiebern, feiern und jubeln.“

Immerhin verbreitete an dieser Stelle vor noch nicht allzu
langer Zeit paar Sommer lang eine Parade der Liebe ihren
ganz eigenen Spirit, den man auf den ersten Blick für eine
preußische Übersetzung des espírito do Carnaval carioca 
hätte halten können. Das hat sich erledigt.

Seither entweihen in schöner Regelmäßigkeit Barbaren den
heiligen Hain, der das neue vom alten Berlin trennt. „Eine
60 Quadratmeter-Großleinwand wird direkt am Brandenbur-
ger Tor platziert, sechs weitere Großleinwände sollen auf
der Straße des 17. Juni stehen.“

Die Bewohner Klein Brasilias sind gerüstet. Arne Jacobsens
Atriumhäuser sind bereits vernagelt. Froh sind die Bewohner
des Niemeyer-Hauses über dessen Stelzen, die mit Stachel-
draht gesichert werden sollen. Um den Bau von Gropius tür-
men sich Autoreifen. 


















Man gibt sich optimistisch im Brasilia des Nordens. Und
doch verdunkeln sich die Mienen der Mitglieder der Bürger-
wehr IBA 57 bei der Frage, was wohl geschehen wird, wenn
der Gastgeber die Deutschen aus dem Turnier wirft. Auch
für diesen Fall sei vorgesorgt. Wie der Presseoffizier erklärt,
habe man Niemeyers Aufzugturm zum panic room umgebaut,
der einem Drittel der Bevölkerung Schutz bietet.