Sonntag, 29. Dezember 2013

Urgences


















L’accélérationnisme comme sport d’hiver:
Nach Jörg Haider (vgl. Goetz, loslabern, 21-23) machte
nun mit Michael Schumacher ein weiterer „simples,
hirntotes Vorpreschen“ Praktizierender Bekanntschaft
mit einem Stein. Christophe Gernigon-Lecomte, Gene-
raldirektor von Méribel Tourisme, berichtet, dass sich
der Unfall „um 11:07 Uhr abseits der Piste“ zugetragen
habe. „Er trug einen Helm und ist mit einem Felsen zu-
sammengestoßen.“ Die Einsatzkräfte seien schnell, nach
acht Minuten, vor Ort gewesen.

Dienstag, 3. Dezember 2013

Beim Bau der Chinesischen Mauer


















Pawel, Piotr & Daniel (November 2013)


Nun würde man von vornherein glauben, es wäre in jedem 
Sinne vorteilhafter gewesen, zusammenhängend zu bauen
[…]. Die Mauer war doch, wie allgemein verbreitet wird
und bekannt ist, zum Schutze gegen die Nordvölker ge-
dacht. Wie kann aber eine Mauer schützen, die nicht zu-
sammenhängend gebaut ist. Ja, eine solche Mauer kann
nicht nur nicht schützen, der Bau selbst ist in fortwähren-
der Gefahr. Diese in öder Gegend verlassen stehenden
Mauerteile können immer wieder leicht von den Nomaden
zerstört werden, zumal diese damals, geängstigt durch den
Mauerbau, mit unbegreiflicher Schnelligkeit wie Heuschre-
cken ihre Wohnsitze wechselten und deshalb vielleicht ei-
nen besseren Überblick über die Baufortschritte hatten als
selbst wir, die Erbauer. Trotzdem konnte der Bau wohl nicht
anders ausgeführt werden, als es geschehen ist. Um das zu
verstehen, muß man folgendes bedenken: Die Mauer sollte
zum Schutz für die Jahrhunderte werden; sorgfältigster Bau,
Benützung der Bauweisheit aller bekannten Zeiten und Völ-
ker, dauerndes Gefühl der persönlichen Verantwortung der
Bauenden waren deshalb unumgängliche Voraussetzung für
die Arbeit. Zu den niederen Arbeiten konnten zwar unwissen-
de Taglöhner aus dem Volke, Männer, Frauen, Kinder, wer
sich für gutes Geld anbot, verwendet werden; aber schon zur
Leitung von vier Taglöhnern war ein verständiger, im Baufach
gebildeter Mann nötig; ein Mann, der imstande war, bis in die
Tiefe des Herzens mitzufühlen, worum es hier ging. Und je
höher die Leistung, desto größer die Anforderungen. Und sol-
che Männer standen tatsächlich zur Verfügung, wenn auch
nicht in jener Menge, wie sie dieser Bau hätte verbrauchen
können, so doch in großer Zahl.  

Deutsche Ingenieurskunst


















Nicht nur Mark Andrew Spitz (* 10. Februar 1950), auch die vielbeschriene „Deutsche Ingenieurskunst“ setzt rückhaltlos
auf Akzelerationismus. Bestes Beispiel: der Porsche Carrera
GT (s. o.). In den Worten des Unfallanalytikers Michael We-
ber auf SPIEGEL ONLINE: „Der Wagen ist sehr speziell kon-
struiert. Ich kenne die Konstruktion zwar nicht bis ins letzte
Detail, aber wo bei anderen Autos Motor und Getriebe sitzen,
befindet sich bei dem GT ein kleiner Kofferraum. Der Tank
ist direkt hinter den Sitzen eingebaut. Wenn der Wagen mit
Karacho ein schmales Hindernis wie den Laternenpfahl seit-
lich trifft, kann dieser durchschlagen und den Tank aufbre-
chen. Ein kleiner Funken von einem Kabel reicht, um den
Wagen in Brand zu setzen. Auch die Fahrgastzelle aus Kar-
bon, die ja nichts anderes ist als in Form gebrachtes Rohöl, 
brennt wie Zunder. Ich könnte mir vorstellen, dass ein paar
Anwälte sich auf den Fall stürzen werden. Gerade das The-
ma Produkthaftung verfolgen die Juristen in den USA ja sehr
akribisch.“

Freitag, 29. November 2013

Esortazione apostolica


















A cinquant’anni dal Concilio Vaticano II, anche se proviamo
dolore per le miserie della nostra epoca e siamo lontani
da ingenui ottimismi, il maggiore realismo non deve signi-
ficare minore fiducia nello Spirito né minore generosità.
In questo senso, possiamo tornare ad ascoltare le parole
del beato Giovanni XXIII in quella memorabile giornata
dell’11 ottobre 1962: « Non senza offesa per le Nostre
orecchie, ci vengono riferite le voci di alcuni che, sebbe-
ne accesi di zelo per la religione, valutano però i fatti
senza sufficiente obiettività né prudente giudizio. Nelle
attuali condizioni della società umana essi non sono capa-
ci di vedere altro che rovine e guai [...] A Noi sembra di
dover risolutamente dissentire da codesti profeti di sven-
tura, che annunziano sempre il peggio, quasi incombesse
la fine del mondo. Nello stato presente degli eventi umani,
nel quale l’umanità sembra entrare in un nuovo ordine di
cose, sono piuttosto da vedere i misteriosi piani della Divi-
na Provvidenza, che si realizzano in tempi successivi attra-
verso l’opera degli uomini, e spesso al di là delle loro as-
pettative » (Discorso di apertura del Concilio Ecumenico
Vaticano II, 11 ottobre 1962).

Fünfzig Jahre nach dem 2. Vatikanischen Konzil darf der
größte Realismus nicht weniger Vertrauen auf den Geist,
noch weniger Großherzigkeit bedeuten, auch wenn die
Schwächen unserer Zeit uns schmerzen und wir weit ent-
fernt sind von naiven Optimismen. In diesem Sinn können
wir die Worte des seligen Johannes XXIII. an jenem denk-
würdigen Tag des 11. Oktober 1962 noch einmal hören: Es
»dringen bisweilen betrübliche Stimmen an Unser Ohr, die
zwar von großem Eifer zeugen, aber weder genügend Sinn
für die rechte Beurteilung der Dinge noch ein kluges Urteil
walten lassen. Sie sehen in den modernen Zeiten nur Un-
recht und Niedergang. [...] Doch Wir können diesen Unglücks-
propheten nicht zustimmen, wenn sie nur unheilvolle Ereig-
nisse vorhersagen, so, als ob das Ende der Welt bevorstünde.
In der gegenwärtigen Weltordnung führt uns die göttliche Vor-
sehung vielmehr zu einer neuen Ordnung der Beziehungen un-
ter den Menschen. Sie vollendet so durch das Werk der Men-
schen selbst und weit über ihre Erwartungen hinaus in immer
größerem Maß ihre Pläne, die höher sind als menschliche Ge-
danken und sich nicht berechnen lassen.«

Akzelerationismus

















Der Begriff SPEEDO wurde erstmals 1928 verwendet,
als das Unternehmen Schwimmbekleidung im Renn-
fahrer-Design auf den Markt brachte. Das Produkt
wurde unter dem Slogan Speed on in your Speedos 
vermarktet. Während des Zweiten Weltkrieges wur-
de die gesamte Produktion auf die Herstellung von
kriegswichtigen Produkten wie Moskitonetzen um-
gestellt. Nach dem Krieg nahm man die Badehosen-
produktion wieder auf.

Bei den Olympischen Sommerspielen im Jahr 1956
gelang SPEEDO der Durchbruch: Die knappe Nylon-
badebekleidung für Männer trat ihren Siegeszug an.
Die weltweite Expansion verdankte das Unternehmen
nicht zuletzt den Erfolgen bei den Olympischen Spie-
len 1968, 1972 und 1976: 70 % der Medaillengewinner
der Schwimmer trugen SPEEDO-Badebekleidung.

Dienstag, 19. November 2013

11. September 2014


















„Berlin, nun freue Dich!“ Am kommenden 11. September
eröffnet die PASOLINI ROMA SCHAU im Martin Gropius Bau.
Wir zählen die Tage: 296,…

Montag, 4. November 2013

Veritable Männerfreundschaft


















Die Beziehung zum besten Freund ist etwas Besonderes im
Leben eines Mannes. Wenn es glückt, verbringt man dieses
Leben von klein auf miteinander, träumt vom Großwerden,
vom Abhauen und noch von mehr: vom Schafe Hüten (oder
Ziegen), von Frauenraub und Waffengang – oder davon, ein-
fach mal wieder zusammen auf Philisterjagd zu gehen. Der
Männerfreundschaft, einem der größten Abenteuer, das ein
Mann erleben kann, hat Cima da Conegliano mit seinem Ge-
mälde Gionata e Davide con la testa di Golia (National Gal-
lery, London) ein grandioses Denkmal gesetzt.

Die Freundschaft von David und Jonathan ist das unerreichte
Muster jeder Männerfreundschaft. Davids Klagelied (2. Samuel
1.17-27) legt davon Zeugnis ab:

Und David klagte diese Klage über Saul und Jonathan, seinen
Sohn, und befahl, man solle die Kinder Juda das Bogenlied leh-
ren. […] „Die Edelsten in Israel sind auf deiner Höhe erschlagen.
Wie sind die Helden gefallen! […] Der Bogen Jonathans hat nie
gefehlt, und das Schwert Sauls ist nie leer wiedergekommen von
dem Blut der Erschlagenen und vom Fett der Helden. Saul und
Jonathan, holdselig und lieblich in ihrem Leben, sind auch im To-
de nicht geschieden; schneller waren sie denn die Adler und stär-
ker denn die Löwen. […] Es ist mir leid um dich, mein Bruder Jo-
nathan: ich habe große Freude und Wonne an dir gehabt; deine
Liebe ist mir sonderlicher gewesen, denn Frauenliebe ist.“

Donnerstag, 17. Oktober 2013

Zur Unzeit geboren


















Auf Georg Büchners Geburtstag liegt ein Fluch, der Fluch
des Aufmerksamkeitsdefizits. Während der Schlacht gebo-
ren zu sein, in der Napoleons Grande Armée den Truppen
der alliierten Mächte des Ancien Régime unterlag, verhieß
für einen Autor wie Büchner nichts Gutes. Die Flut der bie-
deren Gedenkreden des Jahrestagefeuilletonismus und der
Applaus für die Jubiläumsinszenierungen gehen im streber-
haft heraufbeschworenen Schlachtlärm unter. Die dumme
Koinzidenz vermasselte schon Büchners „Säkulartag“. Ed-
gar Steiger, ein sozialdemokratischer Theaterkritiker, Pro-
pagandist des Naturalismus und Verfasser satirischer Lyrik,
schrieb in einer Besprechung der Uraufführung des Wozzek,
der am 8. November 1913 im Residenztheater München zu-
sammen mit Dantons Tod aufgeführt wurde:

Man hat Georg Büchners hundertste Geburtstagsfeier ver-
schoben, weil man das düstere Revolutionsdrama des ein-
undzwanzigjährigen „Hochverräters“ nicht am Gedenktage
der Schlacht bei Leipzig aufführen wollte. Und da fügte es
ein näckischer Zufall, daß die Aufführung der Guillotinen-
tragödie gerade an dem Tage stattfand, an dem der neue
bayerische König den Verfassungseid ablegte, und daß im
Hoftheater die Marseillaise ertönte, während die Regiments-
musik draußen die Königshymne spielte.

Verflucht ist der 17. Oktober auch deshalb, weil heute vor
vierzig Jahren, an Büchners 160. Geburtstag, die Bachmann
in einem römischen Krankenhaus an den Folgen der schweren
Verbrennungen starb, die sie sich am 26. September in ihrer
Wohnung zugezogen hatte. 1973 war auch das Jahr, an dem
Peter Handke den (mittlerweile retournierten) Büchner-Preis
erhielt. In seiner Ingeborg Bachmann gewidmeten Dankrede
legt Handke ein Geständnis ab, das auch von Büchner stam-
men könnte:

Seit ich mich erinnern kann, ekle ich mich vor der Macht, und
dieser Ekel ist nichts Moralisches, er ist kreatürlich, eine Ei-
genschaft jeder einzelnen Körperzelle. […] Was mich unfähig
und unwillig zu einer politischen Existenz macht, ist nicht der
Ekel vor der Gewalt, sondern der Ekel vor der Macht; die Macht
erst, indem sie es sich erlauben kann, aus der Gewalt ein Ritual
zu machen, läßt diese als das Vernünftige erscheinen. Unüber-
windlich ist mein Widerwillen vor der vernünftelnden Gewalt
der Macht; als gestalt- und leblos empfinde ich bis heute fast
alle, die mächtig sind. Und aus dieser Empfindung erlöst keine
Dialektik.  

Samstag, 5. Oktober 2013

Au revoir, mon général


















Le Napoléon rouge Võ Nguyên Giáp (*25. 8. 1911) est dé-
cédé hier, 4 octobre, mémoire de saint François d'Assise 
à 102 ans. RIP




Freitag, 27. September 2013

Pontius Pilate revisited

















 
Morgen hält Giorgio Agamben in Turin einen Vortrag über
Pontius Pilatus. Unter dem Titel Il fascino discreto di Pon-
zio Pilato (Der diskrete Charme des Pontius Pilatus“) er-
schien letzten Mittwoch in La Stampa ein Auszug dessen,
was Agamben morgen sagen wird:

Warum Pilatus? Warum hat er, der von 26 bis 36 Prokurator
von Judäa war, so gebieterisch meine Aufmerksamkeit auf
sich gezogen, mich gleichsam genötigt, über ihn nachzuden-
ken und zu schreiben und mir keine Ruhe gelassen, ehe ich
nicht, die laufende Arbeit an einem Buch unterbrechend, in
drei stürmischen Monaten jenes Büchlein geschrieben hatte,
von dem ich Ihnen erzählen möchte. Es scheint, als habe er
sich mit derselben Macht Bulgakow aufgedrängt, ihn dazu ge-
nötigt, in sein Meisterwerk ohne ersichtlichen Grund das wun-
derbare Pontius-Pilatus-Kapitel einzuschalten, das nicht von
Bulgakow, sondern vom Satan selbst erzählt wird. Sicher, sein
Name, Pontius Pilatus […], ist neben denen von Jesus und Ma-
ria der einzige Name, der im Glaubensbekenntnis auftaucht,
mit dem die Christen seit zweitausend Jahren ihren Glauben
zusammenfassen: „für uns gekreuzigt unter Pontius Pilatus“.
Warum Pilatus? Um, wie zu Recht gesagt wurde, die Historizi-

tät der Leiden Jesu zu belegen, die sich an diesem bestimmten
Tag ereigneten, eben unter Pontius Pilatus. Doch warum wird
er, ein dubioser Verweser erwähnt und nicht, wie es römischen
Gepflogenheiten entspräche, Kaiser Tiberius? Weil er nicht nur
ein Name bleibt, sondern ein Mensch aus Fleisch und Blut ist,
vielleicht sogar der einzige wirkliche Mensch in den Evangelien.
Die anderen sind entweder gewissermaßen heilige Personen wie
Johannes der Täufer und die Apostel oder treten nur für einen
Moment aus der namenlosen Menge, die Jesus umgibt, heraus,
um, wie der gute Samariter, als Beispiel oder, wie Lazarus, der
von den Toten aufersteht, als Prophezeiung zu dienen. Pilatus
aber ist in den Evangelien, insbesondere in dem des Johannes
zugleich weniger und viel mehr: ein Mensch in seinem Zaudern,
mit seinen Ängsten und Ressentiments, seinem Sarkasmus, sei-
nem Argwohn und seiner Scheinheiligkeit (wenn er sich die Hän-
de wäscht, um sich vom Blut eines Gerechten zu reinigen); ei-
ner zumal, dem wir denkwürdige Bonmots verdanken wie die
berüchtigte Erwiderung auf die Aussage Jesu, dass er für die
Wahrheit zeuge: „Was ist Wahrheit?“, oder wie der Spruch, mit
dem er die Juden, die ihn auffordern, die Inschrift des Kreuzes
zu ändern, zum Schweigen bringt: „Was ich geschrieben habe,
das habe ich geschrieben.“ Endlich ist er es, der kurz bevor er
Jesus der Hinrichtung überantwortet, die historischen Worte
spricht: „Ecce homo, Sehet, welch ein Mensch!“

Das Büchlein, das Agamben im vergangenen Sommer schrieb,
oder besser, schreiben musste, wird im Oktober 2014 in der
Reihe Fröhliche Wissenschaft bei Matthes & Seitz erscheinen.

    
    

Freitag, 6. September 2013

Der Holtrop-Effekt





Montag, 5. August 2013

Der Eingeschlossene


















Während die Kommunarden geschlachtet werden, sitzt der Eingeschlossene auf Fort Ta[u]reau, einem Felsen im Meer.
Er äußert sich nicht. Er betrachtet den Himmel, einen Ko-
meten-Friedhof. Dann setzt er sich, in seinen schwarzen
Kleidern, an den Tisch in seiner Zelle, nimmt die Feder und
schreibt:

Was ich in diesem Augenblick niederschreibe, in einer Zelle

auf Fort Ta[u]reau, das schrieb ich auf Milliarden von Erden
und werde es dort in alle Ewigkeit schreiben, und zwar auf
einem Tisch, mit einer Feder und in Kleidern, die mit den
meinigen vollkommen identisch sind.

Hans Magnus Enzensberger, „Louis Auguste Blanqui. 1805-1881“,

in: Mausoleum, Frankfurt am Main 1975.

Freitag, 5. Juli 2013

Das neue Berlin


















Zheng Chaolin: Siebzig Jahre Rebell, Frankfurt, 1991.

Der chinesische Trotzkist Zheng Chaolin, der 1923 von Paris nach Moskau fuhr, berichtete in seinen Memoiren Siebzig Jahre Rebell: "Ich wohnte in der Kantstrasse in Charlottenburg. Charlottenburg gehörte zum neuen Berlin. Wollte man in das alte Berlin, mußte man durch einen Wald hindurch; aber es gab eine U- und eine S-Bahn. In Frankreich habe ich nie in einer so schönen Wohnung gewohnt; aber nicht nur ich, sondern alle Studenten haben niemals in Frankreich in einer so hübschen Wohnung gewohnt. Die Vermieterin war eine Offizierswitwe; sie hatte eine Tochter, die jeden Tag in der guten Stube Klavier spielte. Um ihr Einkommen aufzubessern, vermieteten sie die besten Zimmer an Ausländer."

Donnerstag, 20. Juni 2013

Hölderlin-Gedächtnis-Preis 2013


















„Was immer Rainald Goetz schreibt: es rockt. Der ‚angry
young man‘ der ‚Räuber‘ ebenso wie der späte ästhetische
Menschenerzieher Schiller hätten seine [sic!] helle Freude
an ihm gehabt“, so die Jury unter Vorsitz von Kunststaats-
sekretär Jürgen Walter. Wie die baden-württembergische
Landesministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst
Theresia Bauer heute in Stuttgart erklärte, sei Goetz einer
der wenigen Schriftsteller, der — bereits 1989 — sowohl die
Fördergabe als nun auch den mit 25.000 Euro dotierten Eh-
renpreis des Schiller-Gedächtnis-Preises erhält.

In der Begründung der Jury heißt es, Rainald Goetz sei, was
es in der deutschen Literatur nur höchst selten gab und ge-
be: nämlich Kult. Er habe — lange bevor die „Pop-Literatur
aufgekommen sei — mit Rave bereits den ersten Techno-Ro-
man geschrieben. Zudem habe er in einer Zeit, als Bloggen
noch nicht Mode gewesen sei, mit Abfall für alle das Inter-
net literaturfähig gemacht. Zuletzt habe Rainald Goetz mit
seinem Roman Johann Holtrop die klarsichtigste Psychopa-
thologie der Wirtschaftswelt vorgelegt, die die deutsche Ge-
genwartsliteratur bislang hervorgebracht habe.

Zwei Wochen ist es her, dass die Freunde deutscher Sprache
und Dichtung auf den Boden literaturbetrieblicher Tatsachen
geholt wurden. Irrigerweise hatten sie der Jury des Büchner-
Preises die nötige Pietät unterstellt, mit der Wahl des Preis-
trägers auch den Namensgeber des Preises zu ehren. Immer-
hin jährt sich dessen Geburtstag im Oktober zum 200. Mal.
Und da wäre nur einer in Frage gekommen: Rainald Goetz. Es
sollte anders kommen. Die Wahl fiel auf eine paar Wochen vor
Goetz während der Schlacht von Điện Biên Phủ als Tochter ei-
nes Arztes geborene Schriftstellerin, die im selben Verlag un-
ter Vertrag steht: Sibylle Lewitscharoff.

Doch da hören die Gemeinsamkeiten auch schon auf. Während
sie ihre Frankfurter und Zürcher Poetikvorlesungen unter dem
Titel Vom Guten, Wahren und Schönen veröffentlicht hat, lau-
tete der Titel von Goetz’ Antrittsvorlesung der Heiner Müller-
Gastprofessur für deutschsprachige Poetik: leben und schreiben.
der existenzauftrag der schrift. Und jetzt bestraft man Goetz
mit dem Schiller-Gedächtnis-Preis und begründet das Urteil mit
übelster Idiotenprosa. Es gibt nur einen Weg, diesen Justizirrtum
wieder gutzumachen: die Umbenennung. Der Schiller-Gedächtnis-
Preis heiße fortan Hölderlin-Gedächtnis-Preis, der Büchner-Preis 
rückwirkend ab 2007, oder besser noch ab 1965 Peinsack-Preis.
Die Rückgabe ist — wie man seit 1999 weiß — jedem freigestellt.

Mittwoch, 12. Juni 2013

Siebzig verweht


















Wäre Friedrich Kittler nicht am 18. Oktober 2011 gestor-
ben, könnte er heute seinen 70. Geburtstag feiern. Gerne
denke ich an die Zeit zurück, als Kittler die Ruhr-Universi-
tät Bochum verließ, um den Lehrstuhl für Ästhetik und Ge-
schichte der Medien der Humboldt-Universität Berlin zu be-
ziehen. Zwanzig Jahre ist das nun her, Kittler hatte gerade
sein fünfzigstes Lebensjahr vollendet und sollte im Novem-
ber den Siemens-Medienkunstpreis des Zentrums für Kunst
und Medientechnologie in Karlsruhe für seine Forschungen
auf dem Gebiet der Medientheorie erhalten. Auf dem Foto,
das wohl von Katrin Paul stammt, unterhält er sich mit dem
Jurymitglied Wulf Herzogenrath. Im Vordergrund sitzt Bill
Viola, der den Medienkunstpreis für seine Arbeiten auf dem
Gebiet der Medienkunst erhielt.

Siebzehn Jahre später, gleiche Stadt, gleicher Monat: Am 9.

November 2010 hält Peter Sloterdijk in seinem Tagebuch fest,
dass „Hubert seine Freunde Bredekamp, Belting, Brock, Kittler,
Ullrich und [ihn] auf dem Karlsruher Podium versammelt [habe],
um in heiterer urbaner Atmosphäre [ihr] Buch In medias res zu
präsentieren“. In den im August 2012 unter dem Titel Zeilen und
Tage erschienenen Auszügen aus Sloterdijks Notizheften schließt
sich eine Evaluation der Performance Kittlers an, die man durch-
aus als schonungslos bezeichnen darf: 

„In einem rührenden Moment bot Kittler mir nach langen Jahren

das Du an, wobei er sich auf das Vorrecht des Älteren berief. Er
ist sichtlich in sehr zerbrechlicher Verfassung, physisch und men-
tal. Die Analogie seiner Lage zu Nietzsches innerer Drift springt
ins Auge. Lang ist es her, daß er mit seinem dorischen Intellektu-
alismus für die apollinische Seite Partei ergriff. Spät streckte der
Rationalist vor dem Widersacher die Waffen, jetzt siegt sich Dio-
nysos in ihm mit Wein, Musik und Delir zu Tode.“

DEMORTUISNILNISIBENE

Dienstag, 4. Juni 2013

Der Hobbyfotograph


















Ehe es zu spät ist, wollen wir mit einer sogenannten Foto-
strecke daran erinnern, dass heute in fünf Jahren der 50.
Todestag des französischen Ministerialbeamten Alexandre
Kojève begangen werden wird. Der Nachruhm des 1902 in
Moskau geborenen, von Jaspers in Heidelberg promovierten
Philosophen geht vor allem darauf zurück, dass er im Paris
der 1930er Jahre vor angehenden Intellektuellen die Phä-
nomenologie Hegels kommentierend übersetzte. Sein Semi-
nar war laut Benjamin „der Ort […], an dem sich einige Sur-
realisten ihre Informationen über Dialektik geholt haben“.

Neben Bataille, Blanchot, Klossowski, Lacan und Queneau
gehörte aber auch der Volkswirtschaftler Robert Marjolin
zu Kojèves Hörern, der ihn nach dem 2. Weltkrieg ins Fi-
nanzministerium holte. Philosophie konnte er nur noch an
Sonntagen betreiben. Doch der zum Sonntagsphilosophen
degradierte hielt sich schadlos, indem er seine Dienstrei-
sen im Geiste des Tourismus absolvierte: 5000 am Ideal
der Postkarte orientierte Fotos enthält der von der BnF
verwahrte Nachlass Kojèves. Boris Groys hat 400 scannen
lassen und unter dem Titel After History: Alexandre Ko-
jève as a Photographer auf Weltreise geschickt.

Von Mai bis Juli 2012 war die Ausstellung im BAK, der ba-
sis voor actuele kunst in Utrecht, Lange Nieuwstraat 4 zu
sehen. Stefan Dornuf war da. Den Bericht seines Besuchs
veröffentlichte er unter dem Titel „Nach der Geschichte“
am 19. Juni in der NZZ. Dann reiste die Ausstellung nach
China, um im OCT Contemporary Art Terminal, in der En-
ping Road, Overseas Chinese Town, Nanshan District, Shen-
zhen gezeigt zu werden. Ab dem 17. Oktober war sie wieder
in Europa: Palais de Tokyo, 13, avenue du Président Wilson.
Im April 2013 wanderte sie in die USA, in die James Gallery
im Graduate Center der City University of New York (CUNY),
365 Fifth Avenue zwischen 34. und 35. Straße. Ob sie — wie
geplant — ihren Weg in das Moskauer Haus der Fotographie
finden wird? Wer weiß?

Seither kursieren einige Fotos (© Nina Kousnetzoff) im Netz,
von denen wir hier paar aufbereitet haben: die Rückseite
der Freitagsmoschee von Isfahan (1965), Bilder aus China,
Indien und Japan (1959), wie der Itsukushima-Schrein auf 
der Insel Miyajima in Hatsukaichi in der Präfektur Hiroshima,
der seit 1996 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. In seinem
Katalogtext The Photographer as the Sage schreibt Groys:
„The photographs that Kojève took during his travels reflect
his administrative view of the world combined with a certain
post-historical melancholy. On the surface of it, Kojève’s pho-
tography simply documents the travels that he undertook in
his role as political dignitary […]. However, one could argue
that Kojève’s photographic work is a continuation of his phi-
losophy by other means.“       




Donnerstag, 23. Mai 2013

Fünfzig Jahre Verachtung


















Paul Javal (Michel Piccoli) et Jérémie Prokosch (Jack Pa-
lance) marchent dans les allées des Studios de la Compania
Cinematografica Minerva. Ils se rendent à la salle de pro-
jection pour visionner les derniers «rushes» de l’Odyssée,
une super-production de la Jérémie Prokosch and Associates,
mise en scène par le metteur en scène allemand Fritz Lang.
Un seul long travelling accompagne les deux hommes parmi

les décors à moitié démolis, et les plateaux désertés par la
crise actuelle de l’industrie cinématographique.
Paul et Jérémie sont suivis d’une jeune femme qui trottine

derrière eux. C’est Francesca Vanini (Georgia Moll), la secré-
taire de Prokosch. Elle traduit en français à Paul, au fur et à
mesure, les discours de Jérémie Prokosch (discours commen-
çant par: le cinéma n’est pas …)
D’aprés leur conversation, on comprend que la situation est

la suivante: Jérémie Prokosch n’est pas […]

Samstag, 11. Mai 2013

Gräuel der Verwüstung


Dienstag, 23. April 2013

Der Gebrauch der Körper


















Am 22. März 2013 erschien in La Nación, der vom amtie-
renden Papst abonnierten argentinischen Tageszeitung,
ein Interview mit Giorgio Agamben. Exakt einen Monat
vor Agambens 71. Geburtstag — das Ende Juli 2007 in
Venedig aufgenommene Foto hat Claúdio Oliveira, Pro-
fessor für Philosophie an der Universidade Federal Flu-
minense, am 25. November 2012 in der Folha de S.Paulo 
veröffentlicht — erfuhr seine argentinische Leserschaft,
und mit ihr jeder, der über Spanischkenntnisse verfügt
und Zugang zum Internet hat, etwas, was zuvor nur we-
nige wussten: dass das Homo-sacer-Projekt kurz vor dem
Abschluss stehe.

[…] me gustaría anunciar a los lectores argentinos algo
que saben muy pocos: en estos días estoy terminando la
última parte de Homo sacer. Es una cuestión de semanas.
El volumen se llamará El uso de los cuerpos.

Es sei eine Frage von Wochen. Der Titel des letzten Bands:
L'uso dei corpi, der Gebrauch der Körper, Körpergebrauch.
Wie nicht anders zu erwarten, problematisiert Agamben 
die Rede vom Abschluss, vom Vollenden eines Werkes. Er
vollende das Homo sacer Projekt nicht, sondern gebe es
auf, überlasse es sich selbst. So oder so, der letzte Band
soll Der Gebrauch der Körper heißen: Homo sacer IV.2.

So lasset uns rekapitulieren. Zunächst chronologisch:

1995: Homo sacer. Il potere sovrano e la nuda vita
1998: Homo sacer III: Quel che resta di Auschwitz. L’archi-
vio e il testimone
2003: Homo sacer II.1: Stato di eccezione
2007: Homo sacer II.2: Il Regno e la Gloria. Per una genea-
logia teologica dell’economia e del governo 
2008: Homo sacer II.3: Il sacramento del linguaggio. Arche-
ologia del giuramento
2011: Homo sacer IV.1: Altissima povertà. Regole monastiche
e forma di vita
2012: Homo sacer II.5: Opus Dei. Archeologia dell’ufficio

In eine systematische Ordnung gebracht (Homo sacer I, II.1,
II.2, II.3, II.5, III, IV.1 und IV.2), zeigt sich, dass ein Teilband
fehlt, nämlich II.4. Einiges spricht dafür, dass es sich dabei
um einen schmalen Band handelt, der im selben Verlag wie
Homo sacer II.3 (Il sacramento del linguaggio) erscheint. Bei
Laterza wird für 2013 der Agamben-Titel Il mistero del male
angekündigt. 

Dienstag, 26. März 2013

Das lateinische Reich


















Giorgio Agamben hat am 15. März in La Repubblica einen
Text veröffentlicht, der unter dem Titel »Se un impero la-
tino prendesse forma nel’cuore d’Europa« die Relektüre
eines Textes empfiehlt, dessen Autor seit jeher durch sein
Werk geistert. Schon in Die Sprache und der Tod taucht er
an prominenter Stelle auf. Später begegnet man ihm im 1.
Band des Homo sacer und in Das Offene: ein Exil-Russe, der
bei Jaspers promoviert und tout Paris Hegel erklärt hat, um
nach Kriegsende unser Mann in Havanna (GATT) zu werden:
Alexandre Kojève. Bei dem Text handelt es sich um ein Me-
morandum, das Kojève im Sommer 1945 verfasst hat. Der Ti-
tel lautet L’Empire latin. Esquisse d’une doctrine de la poli-
tique française, der Adressat war General de Gaulle. 1990 in
der Zeitschrift La regle du jeu erstmals veröffentlicht, wurde
es von Helmut Kohlenberger und Walter Seitter ein Jahr spä-
ter für das Themenheft Franzosen der Zeitschrift Tumult ins
Deutsche übersetzt.

Am 24. März erschien Agambens Artikel in der französischen
Übersetzung von Martin Rueff unter dem Titel »Que l’Empire
latin contre-attaque!« in der Libération. Mittlerweile ist der
Artikel für das Nachrichtenportal Presseurop.eu in zehn Spra-
chen übersetzt worden. Das von der Europäischen Kommission
in Zusammenarbeit mit einem Konsortium unter der Leitung
von Courrier international betriebene Portal wertet täglich
über 250 europäische Zeitungen und Zeitschriften aus, um Ar-
tikel mit Europabezug in verschiedenen Sprachen zugänglich
zu machen. Vorerst umfasst das Angebot die Sprachen Deutsch,
Englisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Polnisch, Por-
tugiesisch, Rumänisch, Spanisch und Tschechisch:
  
Ein „lateinisches Reich“ gegen die deutsche Übermacht

The “Latin Empire” should strike back

Un “Empire latin” contre l’hyperpuissance allemande


L’“Impero latino” contro l’egemonia tedesca

“Latijns imperium” tegen Duitse dominantie

„Imperium łacińskie” kontra niemieckie supermocarstwo

Um “Império latino” contra a híper potência alemã

Un “Imperiu latin” împotriva supraputerii germane


Un “Imperio latino” contra la hiperpotencia alemana

„Latinské impérium“ proti německé supervelmoci