Donnerstag, 17. August 2017

Terror’s coming home

24. September 1893: Während einer Militärparade warf
Paulí Pallás eine Bombe auf Generalkapitän Arsenio Mar-
tínez-Campos. Zwei Personen starben und zwölf weitere
wurden verletzt. Martínez Campos kam mit leichten Ver-
letzungen davon. Das Attentat geschah aus Rache für die
Hinrichtung von vier Aufständischen und die harsche Be-
strafung von achtzehn weiteren Personen nach der Nie-
derschlagung des Aufstands von Jerez. Pallás wurde im
gleichen Jahr hingerichtet.

7. November 1893: Als Racheakt für die Exekution von
Pallás warf Santiago Salvador Franch zwei Orsini-Bom-
ben in das Gran Teatre del Liceu in Barcelona. Dabei
wurden 20 Personen getötet und viele weitere verletzt 
(s.o.). Sechs unbeteiligte Anarchisten gestanden unter
Folter, die Tat begangen zu haben und wurden zum To-
de verurteilt. Am Todesurteil konnte auch das Geständ-
nis von Salvador Franch nichts mehr ändern: Alle sieben
wurden hingerichtet. Als Folge der Attentate in Barcelo-
na wurde 1894 ein repressives Anti-Terror Gesetz verab-
schiedet.
 
7. Juli 1896: Als die Fronleichnamsprozession sich in Rich-
tung der Kirche Santa María del Mar bewegte, wurde eine
Bombe aus einem Fenster in die Menge geworfen. Zwölf
Menschen starben, 44 weitere wurden verletzt. Die Regie-
rung verschärfte die Anti-Terror-Gesetze und rief ein spe-
zielles Polizeikorps ins Leben: die Brigada politico-social.
An die 400 Anarchisten wurden im Festungsgefängnis Mont-
juic festgesetzt und gefoltert. Die europäische Öffentlich-
keit reagierte empört. Der Täter wurde nicht ermittelt. Es
wird vermutet, der französische Anarchist Jean Girault ha-
be das Attentat verübt.

Samstag, 29. Juli 2017

Botteghe oscure


















Heute vor exakt sechzig Jahren, einen Tag nachdem in
Cosio d’Arroscia die Situationistische Internationale (SI)
gegründet wurde, begann Paul Celan seine Übersetzung
von Rimbauds Bateau ivre. Am 1. August 1957 wird er an
Christoph Graf Schwerin schreiben: „Denken Sie: ich ha-
be das ,Bateau Ivre‘ übersetzt! In drei Tagen und es war
ein ganz merkwürdiger Zustand.“  

Montag, 17. Juli 2017

Anno mirabile


















Als vorgestern Robert Stockhammers jüngst bei Fink er-
schienenes 1967. Pop, Grammatologie und Politik in der
Post war, galt mein erster Blick dem Personen-, Gruppen-
und Markennamenregister. Etwas enttäuscht musste ich
zur Kenntnis nehmen, dass Kolle, Oswalt auf Kluge, Alex-
ander folgte. Denn im Sommer 1967 sprachen im Audimax
der FU Berlin nicht nur Adorno über den Klassizismus von
Goethes Iphigenie und Marcuse über das Ende der Utopie,
sondern auch Alexandre Kojève. Sein Vortrag trug den Ti-
tel Was ist Dialektik? und begann wie folgt: „Vor einiger
Zeit war es große Mode über Dialektik zu sprechen; heut-
zutage spricht man lieber über Strukturen.“

Im fonds Kojève, der in der BnF aufbewahrt wird, befindet
sich ein Brief, den Traugott König — seinerzeit Jacob Tau-
bes’ Assistent — am 16.VI.1967 an den französischen Minis-
terialbeamten geschrieben hatte. Es ging um dessen anste-
henden Besuch in Westberlin. König bestätigte, dass er „ein
Hotelzimmer mit Bad im Berliner Hof, einem sehr guten
Hotel in Grunewaldreserviert habe: Herr Taubes läßt noch
fragen, ob Sie wohl Ihr Manuskript der Geschichte der Philo-
sophie (Antike) mitbringen könnten, weil die Fotocopie, die
schon einmal gemacht wurde, nicht gelungen ist.“ Im folgen-
den, letzten Absatz des Briefes ging König auch auf die Berli-
ner Ereignisse von Anfang Juni ein.

Die Universität in Berlin ist im Aufruhr, seit die Berliner Po-
lizei bei den Demonstrationen gegen den Schah viele Studen-
ten mißhandelt und einen erschossen hat. Ich schicke Ihnen
zwei Berichte darüber, damit Sie wissen, in welche Situation
Sie in Berlin hineinsprechen werden.

Montag, 3. Juli 2017

Superjubiläumsjahr


















Am 15. Juli jährt sich Benjamins Geburtstag zum 125sten,
anderthalb Monate später, am 31. August, Baudelaires To-
destag zum 150sten Mal. Das Buch der Stunde ist, vor fast
fünf Jahren, bei Neri Pozza erschienen: Walter Benjamin,
Charles Baudelaire. Un poeta lirico nell’età del capitalis-
mo avanzato, herausgegeben von Giorgio Agamben, Barba-
ra Chitussi und Clemens-Carl Härle. Wer des Italienischen
nicht mächtig ist, kann die französische Übersetzung von
Patrick Charbonneau konsultieren, die ein Jahr später im
Pariser Verlag La fabrique erschienen ist. Dass dieser Ben-
jamin’sche Baudelaire nichts mit den von Rolf Tiedemann
unter demselben Titel („Ein Lyriker im Zeitalter des Hoch-
kapitalismus“) 1969 bei Suhrkamp herausgegebenen „zwei
Fragmenten“ zu tun hat, lässt schon der schiere Umfang
erahnen: Während Tiedemanns „Fragmente“ auf 200 Sei-
ten kommen, sind es bei Neri Pozza knapp 1000. 

Wer wissen will, worum es geht, kann den offenen Brief
Agambens an Giulio Einaudi lesen, der auf der homepage
von Repubblica online abzurufen ist. Aus dem geht ein-
deutig hervor, dass Rolf Tiedemann die Übernahme des
Einaudi-Verlags durch Berluscolni genutzt hat, Agamben
als Herausgeber der italienischehen Benjamin-Ausgabe
wegzuputschen. Tiedemann konnte es Agamben nie ver-
zeihen, dass er wichtige Manuskripte in der BNF aufge-
trieben hatte. Und ist es nicht absolut irre, dass zum
125. Geburtstag Benjamins lediglich Swastika-Spezialist
Jäger ein Buch veröffentlicht hat. Kein Wort zu Agambens,
Chitussis, Härles Vorschlag im deutschen Feuillleton. Le-
diglich so genanntes antideutsches Agamben-Bashing…             
       

Donnerstag, 15. Juni 2017

Sehen Sie einen Fluchtweg?


















Das schönste an Gibraltar ist der Wind. Zum Beispiel am
Europa Point. Wenn man erst mal so weit gekommen ist.
Weiter geht es nämlich dann nicht mehr. Das Meer ist so
monumental und überzeugend, vielleicht weil hier Mit-
telmeer und Atlantik zusammenfließen, dass der Felsen,
„The Rock“, dieses durchlöcherte Monument der Unbe-
zwingbarkeit, auf einmal ganz unwichtig erscheint. […]
Zum Glück ist Agamben dabei. Denn das Wichtigste bei
allen Reisen ist die richtige Lektüre, sind die Bücher, die
einen begleiten, gerade dann, wenn man Abschied nimmt. 

So wird Rainer Merkels pünktlich zum 70sten Geburtstag
Hanns Zischlers in der Frankfurter Allgemeinen Sonntags-
zeitung erscheinender Text beginnen. Sein Titel: „Das En-
de unserer Welt“. Auch wenn das Diplom-Volkswirt Kaube,
Insolvenzverwalter des Feuilletons der F.A.Z. und größter 
Agamben-Hater unter der Sonne, nicht gefallen wird, wer-
de ich zurück aus Scicli (RG), auch so einem „Ende unse-
rer Welt Merkel nur zustimmen können. Offensichtlich
hatte er in Gibraltar Profanierungen in der schönen Über-
setzung Marianne Schneiders dabei.

„Es kann nachts sein, unvermutet, wenn du beim Lärm ei-
ner vorbeiziehenden Gesellschaft, du weißt nicht warum,
spürst, dass dich dein Gott verlässt.“ So lautet das im ein-
gangs zitierten Merkeltext ausgesparte Agambenzitat, das 
aus „Genius“ (S. 16), dem einleitenden Essay der Aufsatz-
sammlung stammt. Natürlich war auch in Sizilien Agamben
dabei, allerdings in Form eines Buches jüngeren Datums
und im Original: dem November 2016 bei Neri Pozza erschie-
nenen Che cos’è reale?, das das rätselhafte Verschwinden
des sizilianischen Physikers Ettore Majoranas zu erklären
versucht.        

Mittwoch, 24. Mai 2017

Perfect Day


















Santa è la bellezza
Tanta è la paura
Fai come faceva Baudelaire

Dienstag, 23. Mai 2017

Schwanenwerder