Sonntag, 20. Mai 2018

Was ist der Schöpfungsakt?


















Der Titel Was ist der Schöpfungsakt? geht auf einen Vor-
trag zurück, den Gilles Deleuze im März 1987 in Paris hielt.
In ihm bezeichnet Deleuze den Schöpfungsakt als einen
»Widerstandsakt«. […] Deleuze definiert nicht, was er un-
ter »Widerstand leisten« versteht, sondern scheint es in
der geläufigen Bedeutung zu verwenden: sich der Macht
oder einer äußeren Bedrohung widersetzen. Im Gespräch
über das Wort »résistance« (»Widerstand«) im Abécédaire 
fügt er mit Blick auf das Kunstwerk ergänzend hinzu, dass
Widerstand zu leisten darin bestehe, eine Lebensmacht zu
befreien, die eingesperrt war; eine Definition des Schöp-
fungsakts als Widerstandsakt gibt Deleuze jedoch auch in
diesem Fall nicht.

Dienstag, 15. Mai 2018

Civis Berolinensis fui


Sonntag, 22. April 2018

Auf schastel marveile


















Nur im Abenteuer, in das er sich ganz und in größter Ver-
wirrung stürzt, erfährt Perceval seinen Namen […]; erst
wenn er es wagt, sich entgegen dem Rat seines Fährmanns
im Zauberschloss ins Wunderbett zu legen, vollendet sich
Gauvains Geschichte und erfüllt sich sein Schicksal. Die
ganze Geschichte demnächst bei Matthes & Seitz als 94.
Band der Reihe FRÖHLICHE WISSENSCHAFT: Giorgio Agam-
ben, Das Abenteuer. Der Freund.

 

Dienstag, 27. März 2018

Ottant’anni fa


















Am Abend des 25. März 1938 bestieg der Physiker Etto-
re Majorana ein Postschiff von Neapel nach Palermo. Mit
welcher Absicht? An den Leiter des physikalischen Insti-
tutes der Universität von Neapel schickte er noch einen
Brief. Am nächsten Tag folgte ein weiterer Brief an den
Institutsleiter aus Palermo: „Das Meer hat mich abgewie-
sen... Ich habe jedoch die Absicht, auf den Unterricht zu
verzichten.“ Was geschah in Palermo? Bestieg der junge
Physiker am Abend des 26. März erneut ein Schiff, um
nach Neapel zurückzukehren, wie er seinem Direktor an-
gekündigt hatte?

Donnerstag, 15. März 2018

La conquista dello spazio


Sonntag, 25. Februar 2018

Divertimenti teorici


















In der Regel werden internationale Trends in Deutschland
erst dann wahrgenommen, wenn Köpfe rollen oder die Bi-
lanzen stimmen. GUCCI kann mit beidem dienen. Drei Jah-
re nachdem Alessandro Michele mit einer bahnbrechenden
Show sein Amt als künstlerischer Leiter des italienischen
Modehauses antrat, ist es auch bei den betonierten Stilre-
dakteuren der deutschen Qualitätspresse angekommen: Die
Schluppenblusen sind gekommen, um zu bleiben. Und um
die als Show Notes getarnten Flugblätter einer sich gerade
warmlaufenden permanenten Revolution kommt man auch
nicht mehr herum. CYBORG, das jüngste Manifest, das zur
Präsentation der FALL WINTER 2018-2019 COLLECTION ge-
reicht wurde, hat ein*e Geladene*r abfotografiert und auf
Twitter gepostet:

 
















The challenge of the disciplinary power is to impose a pre-
cise identity on the subject. This operation is carried out
placing the subject inside binary fixed categories, as the nor-
mal / abnormal one, with the specific intent of classifying,
controlling and regulating the subject. The regulative strate-
gies prove so alluring that the subject voluntarily chooses to
stick to that particular categorization, claiming its positioning
inside a given social structure. In this frame of reference, the
regulation of the living body uses the concept of identity as a
device of bio-political control (M. Foucault).

 
















Identity, though, is neither a natural matter nor a preset
category, which can be imposed with violence. It’s not an
immutable and fixed fact, rather a social and cultural con-
struction and, as such, it’s a matter of choice, joining, in-
vention. Identity, thus, is a never ending process, keen on
new determinations each time. The consciousness of how
everything is socially built, even who we are, opens a field
of fresh possibilities to performatively explore. A field of
liberty and responsibility in which anybody can become who
he / she really wants to be, getting social expectations and
personal desires back in the game.


















The subjectivities embodying Gucci’s pluriverse move in
this field, which is ethic and political at the same time.
They represent the invitation to diverge, not conforming
to univocal and other-directed identity models, and the en-
couragement to spread other ways of thinking about our-
selves that are able to violate preset categorizations. In
this regard, what can seem atypical, anomalous, flawed to
a normalizing eye, acquires a new legitimacy. A new breath.
The courageous affirmation of the self and its singularity. 

 
















The collection goes further beyond, taking the shape of a
genuine Cyborg Manifesto (D. J. Haraway), in which the hy-
brid is metaphorically praised as a figure that can overcome
the dualism and the dichotomy of identity. The Cyborg, in
fact, is a paradoxical creature keeping together nature and
culture, masculine and feminine, normal and alien, psyche
and matter. Conflicting with any categorie grid, the Cyborg
is the expression that blends different evolving identities.
Hybrid and shifting identities, built on multiple belongings,
that transgress the normative discipline.

 
















Gucci Cyborg is post-human: it has eyes on its hands, faun
horns, dragon’s puppies and doubling heads. It’s a biologi-
cally indefinite and culturally aware creature. The last and
extreme sign of a mongrel identity under constant transfor-
mation. The symbol of an emancipatory possibility through
which we can decide to become what we are.  

Mittwoch, 24. Januar 2018

Prosa der Verhältnisse


















Bis heute hatte ich nicht den geringsten Anlass, meinem
Vorsatz, mich nicht durch Kommentierung von Onlinear-
tikeln zum Deppen zu machen, untreu zu werden. Nach
der Lektüre des Artikel „Löschung und Überschreibung“
von Andreas Platthaus, einem Kommentar der Entschei-
dung des Senats der Berliner Alice-Salomon-Hochschule,
Eugen Gomringers Gedicht „Avenidas“ an der Südfassade
des Gebäudes durch ein anderes zu ersetzen, gab es kein
Halten mehr. Ich meldete mich im Kommentarbereich der
FAZ an und hämmerte 335 Zeichen in das dafür vorgesehe-
ne Feld:

Da man es „poetologisch versierten“ Institutionen wie
dem Feuilleton der F.A.Z. und dem P.E.N. eh nicht recht
machen kann, sollte man einfach den Titel der 1906 bei
Duncker & Humblot in Leipzig erschienenen Dissertation
Alice Salomons an die Südfassade schreiben: „Die Ursa-
chen der ungleichen Entlohnung von Männer- und Frau-
enarbeit“.

Herzlichen Dank, liebe FAZ, dass Deine Moderatoren mir
geholfen haben, meinem Vorsatz auch weiterhin treu ge-
blieben zu sein. Wäre mir echt peinlich gewesen, wenn
sie den Kommentar hochgeladen hätten. Aber vielleicht
verstößt er ja auch gegen die „Richtlinien“: nicht kon-
struktiv genug. Wie wäre es mit:

Weshalb übermalen: Freskomalerei kann durchaus abge-
tragen und andernorts angebracht werden. Im Fall von
Gomringers Zeilen bietet sich eine Fassade des Litera-
turinstituts in Hildesheim oder eines Studentinnenwohn-
heims (mit kleinem i) des Opus Dei an: Habitate der vom 
FAZ-Feuilleton so hoch geschätzten Poesie des (abenteu-
erlichen) Herzens.