Freitag, 10. Februar 2017

Breaking the ice






 











To the premiere of “Django” at the 67th @Berlinale Film
Festival, @HariNef in a #GucciCruise17 tulle ruffled gown
and embellished sandals.
 
 

Mittwoch, 25. Januar 2017

Heimatstadt


















All jenen, die glauben, man könne sich eine Millionenstadt
aneignen, indem man sogenannte Baumscheiben einzäunt
und bepflanzt, verwahrloste Spielplätze mit Spendengel-
dern „aufhübscht“, usw., sei mit Furio Jesi, jenem allzu
früh (1941-1980) durch einen banalen Haushaltsunfall hin-
weggerafften Turiner Wunderkind, ein für allemal gesagt:

Man kann eine Stadt lieben, man kann ihre Häuser und
Straßen in der liebsten und ältesten Erinnerung tragen,
aber erst in der Stunde der Revolte wird die Stadt wirk-
lich als die eigene empfunden: eigene, weil Schauplatz
eines Kampfes, für den man selbst und das Kollektiv sich
entschieden hat; die eigene, weil umschriebener Raum,
in dem die historische Zeit aufgehoben ist und wo jede
Tat in sich selbst Gültigkeit hat, mit ihren absolut un-
mittelbaren Folgen. Man eignet sich eine Stadt wesent-
lich mehr an, indem man in den aufeinanderfolgenden
Angriffswellen mit vorprescht und zurückweicht, als wenn
man als Kind auf ihren Straßen spielt oder später mit ei-
nem Mädchen auf ihnen dahingeht. In der Stunde der Re-
volte ist man nicht mehr allein in der Stadt.

Die schöne Stelle stammt aus Furio Jesi, „Die Suspendie-
rung der geschichtlichen Zeit“, dem ersten Kapitel von 
Spartakus. Simbologia della rivolta, Turin, Bollati Borin-
ghieri 2000. Barbara Kleiners Übersetzung des ersten Ka-
pitels erschien 2012 als N°069 der 100 Notes 100 Thou-
ghts / 100 Notizen 100 Gedanken im Rahmen der docu-
menta 13. Kleiner hat auch Jesis nachgelassenes Roman-
fragment L’ultima notte übersetzt. Die letzte Nacht er-
schien 1991 in einem Freiburger Kleinverlag.     

Sonntag, 8. Januar 2017

Include me out!


















Die besten Sprüche sind von vorgestern. Wie der, den JLG
Fritz Lang vor mehr als fünfzig Jahren in Le Mépris zitieren
lässt: „Include me out, as a real producer once said.“ Voilà,
the most famous of all Goldwynisms.

Dienstag, 20. Dezember 2016

Eden


















Auf einer der Fahrten zwischen meiner Wohnung und der
Akademie der Künste zeigte ich ihm das Apartmenthouse
»Eden«, das an der Stelle jenes im Januar 1919 als Sitz des
Stabs der Garde-Kavallerie-Schützen-Division dienenden
Eden-Hotels steht, in dem Rosa Luxemburg und Karl Lieb-
knecht die letzten Stunden ihres Lebens verbracht hatten.
Das »Eden« liegt unmittelbar neben dem »Europa-Center«,
dessen Geschäfte für das kommende Fest geschmückt wa-
ren. Vom Kurfürstendamm her biegt man in die Budapester
Straße ein, die in den Tiergarten und zum Landwehrkanal
führt.

Der Hohn, den die Beibehaltung des Namens für das Luxus-
apartmenthouse auf das Gedenken der beiden Ermordeten
darstellt, war Thema unseres Gesprächs im Auto. Diese Fahrt
mag Ausgangspunkt für die dritte Strophe gewesen sein:

Es kommt der Tisch mit den Gaben,
er biegt um ein Eden –

Samstag, 17. Dezember 2016

Jahresrückblick



Sonntag, 27. November 2016

Punky Reggae Party


















Alle glauben sich jetzt zu Bob Dylans Reaktion auf die Ver-
leihung des Nobelpreises äußern zu müssen. Die Frage lau-
tet: Sind seine abweisenden Stellungnahmen cool oder un-
gezogen. Wir wissen es nicht, denken aber dankbar an je-
nen 29. Juni 1978 in der Deutschlandhalle, an dem Dank
Dylan Punk nach Deutschland kam. Wie aber Liebes… Tho-
mas Brasch, der Dylans Berlin-Konzert besucht hatte, ver-
öffentlichte 1980 in dem Band Der schöne 27. September 
ein Gedicht, das diesen denkwürdigen Abend beschreibt:

Und der Sänger Dylan in der Deutschlandhalle

ausgepfiffen angeschrien mit Wasserbeuteln beworfen
von seinen Bewunderern, als er die Hymnen
ihrer Studentenzeit sang im Walzertakt und tanzen ließ
die schwarzen Puppen, sah staunend in die Gesichter
der Architekten mit Haarausfall und 5000 Mark im Monat,
die ihm jetzt zuschrien die Höhe der Gage und
sein ausbleibendes Engagement gegen das Elend der Welt.
So sah

ich die brüllende Meute: Die Arme ausgestreckt im Dunkel
neben
ihren dürren Studentinnen mit dem Elend aller Trödelmärk-
te
der Welt in den Augen, betrogen um ihren Krieg,
zurückgestoßen in den Zuschauerraum
der Halle, die den Namen ihres Landes trägt, endlich
verwandt ihren blökenden Vätern, aber anders als die
betrogen um den, den sie brauchen: den führenden Ham-
mel.

Die Wetter schlagen um:
Sie werden kälter.
Wer vorgestern noch Aufstand rief,
ist heute zwei Tage älter.

Dienstag, 8. November 2016

Das Ausbleiben der Katastrophe


















In der Onlineausgabe der Welt gibt es heute ein Interview
mit Werner Herzog, der gerade für seinen Film Salt & Fire
Reklame macht. Bevor er von den Dreharbeiten berichten
und seiner Bewunderung für die Hauptdarstellerin Ausdruck
geben kann, muss er sich jedoch zu tagespolitischen Fragen
äußern. Man sitze, so beginnt das Gespräch, zwar jetzt im
„gemütlichen“ München, aber er sei auch und vor allem in
Los Angeles zu Hause. Da wüsste man natürlich gerne, wie
„unsere Trump-darf-auf-gar-keinen-Fall-gewinnen-Hysterie“
auf ihn wirke. Sei „das europäisch? Vielleicht sogar typisch
deutsch?“ Herzog ist in seinem Element:

Ich erlaube mir dazu erst mal die Bemerkung, dass niemand
in Panik verfallen muss. Selbst dann nicht, wenn er gewählt
wird. Ganz nebenbei gesagt, hatten wir in Europa eine ähn-
liche Aufregung um Berlusconi. Was die USA angeht, erinne-
re ich mich an ein ähnliches Jammergeschrei, das es welt-
weit und vor allem in Deutschland gab, als Nixon gewählt
wurde. „Tricky Dick!“ Und das Geschrei war noch größer bei
Ronald Reagan: Ein zweitklassiger Schauspieler, hieß es, ver-
suche jetzt, den Präsidenten zu spielen. Unsinn. Die ganzen
Katastrophen haben nicht stattgefunden.

„Verrückt,“ dachte ich, „genau so sollte der Titel meines
Posts zur US-PräsidentInnenwahl lauten: Das Ausbleiben der
Katastrophe.“ Ich war vor paar Tagen durch Zufall im Netz
auf Herzogs „Dokumentarfilm“ La Soufrière – Warten auf ei-
ne unausweichliche Katastrophe gestoßen: knapp dreißig Mi-
nuten jüngste Geschichte des westlichsten Vorpostens der
Europäischen Union: Guadeloupe, der Schmetterling der klei-
nen Antillen (s. EURObanknote, verso, unten links, Lupe hilf-
reich). Im Sommer 1976 trat die Soufrière, Basse-Terres alles
überragender (1467 m) passiv-aggressiver Vulkan in eine phre- 
atische Explosionsphase ein.

Deshalb evakuierte man vom 15. August bis zum 15. Dezember
1976 mehr als 60000 Menschen. Wie nicht anders zu erwarten
weigerte sich eine verschwindende Minderheit, der administra-
tiven Vorsorge Folge zu leisten. Als Herzog aus der Zeitung da-
von erfuhr, buchte er ein Ticket in die Karibik. Jörg Schmidt-
Reitwein und Ed Lachman mussten mit es hat sich gelohnt.
Wer den Film auf youtube anschaut, wünscht sich sofort, die
mit Rachmaninow, Mendelssohn-Bartholdy, Brahms und Wagner
unterlegten Bilder der menschenleeren Stadt am Fuße des Vul-
kans und des wagemutigen Aufstiegs zum Giftwolken speienden 
Krater die Todgeweihten lassen grüßen schon bald im Kino
um die Ecke zu sehen: bientôt sur cet écran.


















Nicht unerwähnt bleiben darf Herzogs in einem lakonischen Stan-
dard Bavarian English vorgetragener Kommentar aus dem Off. Er
endet tröstlich… Fürchtet euch nicht! Das es so weiter geht, ist
die Katastrophe. Sie ist nicht das jeweils Bevorstehende, sondern
das jeweils Gegebene. Herzog drückt es 1977 so aus:

The volcano did not explode. Days came and went. The signs
of a catastrophe began to deminish. After some weeks the po-
pulation began drifting back to their homes and villages and
towns. It will always remain a mistery why there was no erup-
tion. Never before in the history of volcanology where signals
of such magnitude measured and yet nothing happened.
The volcano will probably soon be forgotten. In my memory it
is not the volcano that remains but the neglect and oblivion in
which those black people live.
There was something pathetic for us in the shooting of this pic-
ture and therefore it ended a little bit embarressing. Now it has
become a report of an inevitable catastrophe that did not take
place.